Skavsta ist kein Ort zum Bleiben. Skavsta ist überhaupt kein Ort. Keine Stadt, kein Dorf, kein Weiler. So heißt lediglich der alte Militärflughafen bei Nyköping an der Ostküste Schwedens, der vor sieben Jahren vom irischen Billiganbieter Ryanair entdeckt wurde. Seitdem steht im Flugplan "Stockholm-Skavsta", als wäre Skavsta ein Vorort. Dabei liegt die schwedische Hauptstadt 115 Kilometer weiter nördlich. Wer hier ausgesetzt wird, sieht zu, dass er fortkommt. Was soll man auch anfangen mitten im Wald, wo es nicht viel mehr gibt als eine winzige Abflughalle, zwei Start- und Landebahnen und ein kleines Gewerbegebiet? Die Autovermieter sitzen draußen in Containern, das Ganze ist ein einziges Provisorium voller Matschwege und Bauzäune. Man steigt also schnell in den nächsten Bus, der für umgerechnet 22 Euro nach Stockholm fährt und zurück. Oder man nimmt ein Mietauto. Auf jeden Fall: Nichts wie weg.

Es sei denn, man zögerte. Wer zögert, wer sich nach dem Ankommen erst mal umschauen will, den nimmt sich Heide Ericsson zur Brust. Die Düsseldorferin, die seit 42 Jahren hier lebt, hat einen Tisch im Ankunftsbereich aufgestellt und ist auf suchende Blicke spezialisiert. Sie ist Mitarbeiterin der Touristeninformation von Nyköping. Nyköping (sprich: Nüschöping) liegt sieben Kilometer entfernt an der Küste, es ist eine der ältesten Städte Schwedens. 30000 Einwohner, Historienschauspiele, mittelalterliche Mahlzeiten im Schlossgewölbe. Lachsangeln im Fluss Nyköpingsån. Der Gouverneur der hiesigen Provinz Södermanland ist der Ehemann der im September ermordeten Außenministerin Anna Lindh, bis vor kurzem sollen noch Berge von Blumen vor dem Rathaus gelegen haben.

Heide Ericssons Job, mögliche Touristen nach Nyköping oder in die Umgebung zu locken, ist nicht leicht. Wenn sie schwärmt, das hier sei "wie ganz Schweden in Miniatur", muss das nicht jeder als Anlass zum Bleiben sehen. Am besten, man lässt sich von ihr zu ihrem Lieblingsplatz – dem Naturreservat Stendörren 25 Kilometer weiter nördlich – bringen. Es geht durch sanftes Hügelland, über erstklassige Asphaltstraßen, gelegentlich stehen am Straßenrand die typischen rostroten Schwedenhäuschen. Wenn man Glück hat, trifft man hier Elche, wenn man gleichzeitig Pech hat, gibt es Blechschaden und einen toten Elch. Die eindrucksvollste Landschaft im Naturreservat ist zweifellos der Wald an der Schärenküste. Es gibt mehr als 200 unbewohnte Inseln, jeweils über 100 Quadratmeter groß. Weil das schwedische "Jedermannsrecht" auch für auswärtige Urlauber gilt, ist im Sommer in Stendörren immer viel los. In den warmen Monaten liegen hier überall Boote, Urlauber baden im klaren Wasser und wärmen sich danach auf den flachen Granitfelsen. Im November herrscht Stille. Eine schwankende Hängebrücke führt über einen schmalen Ostseearm zu einem Gewirr aus Granitinseln. Es riecht nach Waldboden und Salzwasser. Vielleicht sollte man grillen. Überdachte Grillplätze inklusive Feuerholz stehen gratis bereit.

Warum es ausgerechnet Skavsta traf, Nyköping, das Södermanland, ist in den geheimen Strategiepapieren des Ryanair-Chefs vergraben. Immerhin gibt es eine Legende, in der eine Serviette ein Rolle spielt. Wieder einmal. Die erste Serviettenlegende rankt sich um die Gründer der späteren Southwest Airlines, heute noch Vorbild aller Billig-Airlines. Sie sollen 1966 ihren genialen Plan eines Streckennetzes mit billigem Punkt-zu-Punkt-Verkehr auf dem Tresen einer Bar in Texas auf einer Serviette skizziert haben. Genauso hemdsärmelig sollen vor sieben Jahren der Schwede Peter Rogerman und der Ire Michael O’Leary vorgegangen sein. Der Marketingchef des abgelegenen Flughafens ohne Passagiere hat, so kolportiert es jedenfalls die Flughafenchefin Dot Gade Kulovuori, seinen Deal mit dem Gründer von Ryanair ebenfalls auf einer Serviette besiegelt. Seit 1997 fliegen die Iren von London-Stansted nach Skavsta, seit 2002 von Frankfurt-Hahn und seit April dieses Jahres von Lübeck aus. Drei Flugzeuge sind hier nun fest stationiert. Täglich gibt es 28 Starts und Landungen.

Zu einem plötzlichen Massentourismus hat das Engagement von Ryanair in der Gegend um Nyköping allerdings nicht geführt. Zwar sind die Zahlen eindrucksvoll: Letztes Jahr waren es in Skavsta noch 326000 abgefertigte Reisende, in diesem Jahr werden es 1,1 Millionen sein. Und soeben bekommt der Flughafen ein richtiges Terminal und eine anständige Abflughalle für bis zu zwei Millionen Fluggäste im Jahr. Doch augenfällige Veränderungen muss man suchen. So liegen neuerdings im Hafen von Nyköping während der Saison jede Menge Boote aus Deutschland und England. Die Besitzer fliegen alle paar Wochen für einige Tage billig her, um mit ihren Booten durch die Schären zu kreuzen. Immerhin ist die Zahl der Hotelübernachtungen in den letzten Jahren um 30 Prozent gestiegen, die Zahl der ausländischen Besucher hat sich fast verdoppelt. Und – da freut sich Nyköpings sozialdemokratischer Bürgermeister Göran Forssberg besonders – das hier angesiedelte Personal der Fluglinie entrichtet fast eine Million Euro Steuern im Jahr. Und lässt es auch gern mal krachen. Von der wilden Ryanair-Halloween-Party der rund 200 lokalen Mitarbeiter sprach man im Ort noch tagelang. Am 200 Jahre alten Holzgebäude der ehemaligen Hafenverwaltung, in dem jetzt ein Restaurant untergebracht ist, erinnern heute noch regennasse Spinnweben-Imitate an die irische Geistersause.

Ein weiterer Nebeneffekt der Billigfliegerei ist zwar weniger erwünscht, aber einleuchtend. Der Bürgermeister hat ihn auch bei seinen Mitarbeitern bemerkt, deren Reisegewohnheiten sich verändert haben: "Die fliegen", sagt er, "jetzt manchmal für einen Tag zum Biertrinken nach Lübeck, das ist viel billiger als ein Ausflug nach Stockholm. Von den Bierpreisen ganz zu schweigen."

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