Gehen Sie spaßeshalber einmal durch verschiedene deutsche Redaktionen – Zeitung, Radio, Fernsehen, egal. In der linken Hand halten Sie ein Exklusivinterview mit Dieter Bohlen. In der rechten Hand halten Sie die beste Dieter-Bohlen-Kritik, die jemals geschrieben wurde. Warten Sie ab, was Ihnen von der Redaktion schneller abgekauft wird.

Es ist in den letzten Jahren in den meisten Medien schwieriger geworden, etwas Erfolgreiches nicht gut zu finden. Einen Bestseller, einen Hit, einen Star. Verreißen Sie so was mal, verwenden Sie ruhig ausgezeichnete Argumente. Und dann warten Sie ab, was passiert, wenn Ihnen Ihr Chef das nächste Mal auf dem Flur begegnet.

Vielleicht geht das Zeitalter der Kritik ja zu Ende. Ungefähr 300 Jahre Kritik wären es dann gewesen, wenn man, was sich anbietet, mit der französischen Aufklärung anfängt. Vielleicht ist die Kulturberichterstattung der Zukunft nur noch Produktberatung, Public Relations. Nur noch Beschreibung. Nein, einen Staatskritiker hält sich die Gesellschaft noch, einen Marcel Reich-Ranicki, dessen Aufgabe darin besteht, jeden Abend um 22.30 Uhr auf amüsante Weise zu sagen, dass alles nichts taugt. Das Ganze hat natürlich damit zu tun, dass die Kritik keinen Ort mehr hat, an dem sie wohnt. Dieser Glaube: Wir hüten das Feuer des richtigen Bewusstseins. Wer kann das noch von sich behaupten?

Vor ein paar Jahren war ich Ghostwriter einer Starbiografie, besser gesagt, Koautor. Die Arbeit war angenehm. Es handelte sich um Ilja Richter. Ilja Richter ist ein sympathischer Mann, der gern Hüte trägt, an seiner Lebensgeschichte begreift man einiges über Nachkriegsdeutschland. Er ist Sohn eines Kommunisten und einer Jüdin, die in der Nazizeit getarnt überlebte, ihre eigene Showkarriere nicht ausleben durfte und stellvertretend ihren Sohn zum deutschen Teenie-Idol machte. Dass der lustige Ilja jüdische Wurzeln hat, durfte zur Zeit seiner Show Disco nicht zum Thema gemacht werden. Die Mutter fürchtete, dem Publikum könnten unlustige Gedanken kommen.

Einerseits weiß Ilja Richter, dass Disco keine Sendung war, auf die man lebenslang stolz sein darf. Andererseits will er sich nicht auf billige Weise von seiner Vergangenheit distanzieren. Darum also ging es: ein Bild von sich selbst zu entwerfen, das mit den Widersprüchen des Lebens versöhnt. Dieses Anliegen ist menschlich, die meisten Nichtstars würden es genauso machen. Aber mit Wahrheit, was immer das sein mag, hat es nichts zu tun. Wer wirklich etwas über eine Person erfahren möchte, greift besser zu Büchern, die aus einer größeren Distanz geschrieben wurden als der, die man zu sich selber hat. Star-Autobiografien sind nur ein Spiel. Um das zu erkennen, muss man nicht Max Frisch gelesen haben.

In den Lebenserinnerungen vergangener Jahrhunderte fühlte der Autor sich verpflichtet, die eigene Vita zum Ausgangspunkt für Reflexionen über seine Epoche oder das Leben im Allgemeinen zu nehmen. Das Bewusstsein, Teil von etwas Größerem zu sein, war allgegenwärtig. Das bremste die Eitelkeit, egal, ob dieses Größere Gott hieß oder Revolution. Friedrich der Große schreibt auf Seite eins: "Ich will nur die Umwälzungen beschreiben, deren Augenzeuge ich war." Alexandra Kolontai, die Frau Lenins, fängt so an: "Es gilt zu vergessen, dass man von sich selbst spricht, und zu versuchen, Abstand von seinem eigenen Ich zu nehmen."

Eine Starbiografie hat drei Aufgaben. Erstens, ein neues Image wird konstruiert, oder das alte Image wird gefestigt. Zweitens, man bringt ein paar Anekdoten. Drittens: Alte Rechnungen werden beglichen. Ilja Richter, der damals im Fernsehen immer so angepasst gewirkt hat, entwarf sich als Außenseiter. Einer, der sogar in den finstersten Unterhaltungsverliesen des ZDF immerzu an Tucholsky denkt. Um glaubwürdig zu sein als einer, der seine Vergangenheit durchschaut, durfte er sich nicht schonen. So packten wir auch Peinlichkeiten in das Buch hinein. Über diese Dinge spricht man während der Arbeit übrigens nicht. Als guter Ghostwriter solltest man instinktiv spüren, wie schonungslos das Buch werden soll.

Der Schmerz über den Tod des Vaters, die Trennung von den Kindern, die Tabletten, die Qualen der Niederlagen. Boris Becker schreibt, wie er voll gepumpt mit Medikamenten auf den Platz wankt. Er lässt uns in sein Herz schauen, sagt Bild. So verliebt in die Wahrheit, dass er uns in sein Herz schauen ließe, ist Boris Becker aber bestimmt nicht. Die Biografie ist in Wirklichkeit seine letzte Chance, den eigenen Abstieg aufzuhalten, noch einmal ein brauchbares Image zu konstruieren. Nach einer Reihe von privaten und geschäftlichen Pleiten ist Boris Becker nicht mehr das, was er einmal war. Das kann er auch an seinen Werbeverträgen ablesen. Jetzt erfindet er sich als Schmerzensmann, unrasiert und fern der Heimat, der Schimanski der Tennisplätze.