Schön ist es hier draußen. Wälder in herbstlichem Bunt, frische Luft, relative Ruhe, sieht man von fernem Autobahnrauschen einmal ab. Wer zur CAS innovations AG im fränkischen Erlangen vordringt, landet im Landschaftsschutzgebiet. Auch vom Vorstandsbüro geht der Blick geradewegs ins Grüne. "Im Winter wird hier ganz zuletzt geräumt", sagt Gero Schnütgen, 34, einer der beiden Firmenchefs. "Und übers Handy brauchen Sie mich gar nicht anzurufen. Wir sitzen hier mitten im Funkloch." Eigentlich keine idealen Standortbedingungen für ein junges Unternehmen der Medizintechnik-Branche. Doch die CAS innovations AG, Entwickler von neuartigen Navigationssystemen für die Chirurgie, gehört zu den Vorzeigefirmen des so genannten Medical Valley rund um die Stadt Erlangen, die sich vorgenommen hat, zur "Bundeshauptstadt der Medizin" aufzusteigen.

Erlangen hat rund 80000 Arbeitsplätze, jeder vierte Arbeitnehmer ist in der Medizintechnik, Pharmakologie oder medizinischen Dienstleistung beschäftigt. Auch bundesweit kann sich die Region sehen lassen. Nach Angaben der Innovationsberatungsstelle Nordbayern wird gut ein Viertel aller medizinischen Produkte hierzulande in Bayern hergestellt, wobei der Raum Erlangen eine Spitzenposition einnimmt.

Die Aktiengesellschaft, die Schnütgen vor gut zwei Jahren zusammen mit seinem Partner Ralf Petzold aus der Taufe hob, ist ein typisches Spin-off, hervorgegangen als universitäre Ausgründung aus dem angesehenen Institut für Medizinische Physik an der Universität Erlangen. Im Keller des Bürohauses steht eines der Produkte des jungen Unternehmens: ein unscheinbarer fahrbarer Container mit integriertem Personalcomputer und einem Flachbildschirm. Die mit einer komplizierten Software ausgestattete Workstation, zu der auch eine 3-D-Infrarotkamera gehört, soll Orthopäden den Einbau von Hüftgelenksprothesen erleichtern. Das System ermöglicht es, die aufgrund von Röntgenaufnahmen am Bildschirm erstellte Operationsplanung mit bisher nicht gekannter Präzision umzusetzen. Unvorhergesehene Lageänderungen des Beckens können während der OP in Echtzeit ausgeglichen werden. Zu diesem Zweck werden in den zu operierenden Hüftknochen so genannte Bewegungspins, kleine Stacheln mit reflektierenden Kappen, eingeschraubt. Mit ihrer Hilfe kann die Kamera die Lage des Knochens ständig beobachten und auf dem Bildschirm darstellen. Der Operateur kann die Lage des Fräsers für die neue Gelenkpfanne in dreidimensionaler Darstellung verfolgen und mit der geplanten Sollposition abgleichen. "Wir erwarten, dadurch die Komplikationsrate bei manuellen Hüftgelenksoperationen langfristig deutlich senken zu können", sagt Schnütgen.

Ganz aus eigener Kraft hat die kleine Medizintechnik-Firma die ersten unsicheren Jahre der Unternehmensgründung freilich nicht bewältigt. Immerhin 700000 Euro ließ das bayerische Wirtschaftsministerium im Rahmen des Förderprogramms Leitprojekte Medizintechnik als Startkapital springen. Das Geld stammt aus der mit Privatisierungserlösen finanzierten High-Tech-Offensive Bayerns. Nachdem ein wichtiger Vertriebspartner in Schwierigkeiten gekommen war, ermöglichte frisches Beteiligungskapital den weiteren Ausbau des Unternehmens. Bei der Geldakquise half der Firma ein zweiter Platz beim Businessplan-Wettbewerb Nordbayern, einem wichtigen Sprungbrett für junge High-Tech-Unternehmen der Region. Mittlerweile ist die CAS innovations AG seit einem Jahr mit ihren Produkten am Markt und beschäftigt 16 Mitarbeiter.

In der Region um das fränkische Ballungsgebiet hat sich in den vergangenen Jahren ein beachtliches Potenzial von Firmen der Medizintechnik- und Pharmabranche entwickelt. Dazu gehören kleine Spin-offs wie CAS und bereits etablierte Neugründungen wie der Laserspezialist Wavelight, der Geräte für die Augenheilkunde entwickelt.

66 Millionen Euro vom Land

Human Optics stellt Augenimplantate her, Astrum produziert Krankenhaus-Software für die Personalplanung, der Traditionsbetrieb Pausch ist auf mechatronische Geräte für die Röntgendiagnostik spezialisiert, Biotronik entwickelt Herzschrittmacher und Gefäßstützen, so genannte Stents, für Blutgefäße. Unumstrittener Platzhirsch ist Siemens Medical Solutions mit allein 5500 Mitarbeitern im Raum Erlangen-Forchheim. Das neue Siemens-Werk für hoch moderne Magnetresonanz-Tomografen, das seit Frühjahr 2000 in Betrieb ist, zählt zu den Herzstücken des Medical Valley. 100 Millionen Euro hat sich der Münchner Weltkonzern die Investition kosten lassen.

Im Großraum Erlangen-Nürnberg-Forchheim sind zurzeit rund 250 Unternehmen der Medizintechnik-Branche aktiv. Allein in den vergangenen sechs Jahren seien etwa 50 Firmen durch Neu- und Ausgründungen sowie Ortsverlagerungen hinzugekommen, sagt Hartmut Heydrich, Geschäftsführer der Kompetenzinitiative Medizin-Pharma-Gesundheit, die von der Stadt Erlangen finanziert wird.