DIE ZEIT: Sie sind Chefarzt der Anästhesie und leiten die funkärztliche Beratungsstelle Medico Cuxhaven; täglich rufen dort Schiffsbesatzungen aus allen Weltmeeren an. Mit was für Problemen werden Sie konfrontiert?

Christian Flesche: Letztens hat bei uns ein Schiff angerufen, das im Pazifik unterwegs war, in Richtung Japan. Es ist in einen Taifun geraten. Der hat das Schiff so durchgerüttelt, dass ein Mann an Deck gegen eine Wand geschleudert wurde und sich einige Rippen gebrochen hat. Wegen des Sturms konnte er nicht unter Deck gebracht werden, sondern musste sich auf der Brücke des Schiffes festhalten. Es war viel zu wacklig, um ihm eine Schmerzmittel-Spritze zu geben. Wir haben dann verordnet, dass ihm das Morphium unter die Zunge gelegt wird.

ZEIT: Wie ist es möglich, aus der Ferne zu diagnostizieren, ohne den Patienten zu sehen?

Flesche: Oft werden uns digitale Fotos geschickt, anhand deren wir unsere Diagnosen stellen können. Das Wichtigste ist, dass man die richtigen Fragen stellt. Man erfährt ja immer nur so viel, wie jemand einem da draußen erzählt. Früher war es noch viel schwieriger, als alles über Funk lief. Jetzt über Satellitentelefon ist die Verständigung viel besser.

ZEIT: Wer sitzt im Team der funkärztlichen Beratung?

Flesche: Seit 1931 ist es Tradition, dass die Anästhesie-Abteilung in Cuxhaven für die Beratung zuständig ist. Die Beratungsstelle ist immer in Bereitschaft, die Anästhesisten arbeiten hier aber auch ganz normal im Krankenhaus. Das Kernteam setzt sich aus einem kleinen Kreis von drei bis vier Kollegen zusammen, die meisten haben Erfahrung auf See gemacht. Ich zum Beispiel war für einige Zeit Schiffsarzt. Regelmäßig ziehen wir Fachärzte aus den anderen Abteilungen unseres Krankenhauses zur Beratung hinzu.

ZEIT: Wie oft liegen Sie mit Ihren Diagnosen richtig?