Von Chefärzten lässt sich Cord Meyer nachts nicht mehr wecken. Wer mit ihm reden will, tut das tagsüber "im Unternehmen", im Lübecker Sana-Klinikum, dessen Geschäftsführer er ist. Als der 37-Jährige noch kein Klinikmanager war, sondern Zivi im Kreiskrankenhaus Stolzenau in Niedersachsen, konnte er es kaum erwarten, dass der Chefarzt nachts an seine Zimmertür klopfte und ihn zu einer Operation mitnahm. Am Ende seines Zivildienstes durfte er Dienste auf der Intensivstation schieben. "Das war die Krönung für mich", erinnert er sich.

An einem Krankenbett hat Cord Meyer schon lange nicht mehr gestanden, dafür ist er jetzt viel zu beschäftigt mit Tabellen und Belegungsstatistiken, Kostensenkungsmaßnahmen und Investitionsvolumen. Er hat sich daran gewöhnt, dass ihm dabei viele rote Zahlen begegnen. Drei Jahre gibt er sich noch, dann will er das Klinikum Süd und das Krankenhaus auf dem Travemünder Priwall aus der Verlustzone geführt haben. Seit März 2002 ist er Geschäftsführer der beiden Häuser. Die waren vormals städtisch, wurden dann aber von der Sana-Kliniken-GmbH, einer Münchner Betreibergesellschaft, übernommen. "Als privater Träger haben wir natürlich den Anspruch, Gewinn zu machen, aber es geht nicht um Gewinnmaximierung", sagt der Klinikmanager und fügt hinzu: "Krankenhäuser sind nun mal Unternehmen, Dienstleistungsunternehmen, klar. Nur mit Überschüssen sind Investitionen möglich." Manchmal wundert sich Cord Meyer bei solchen Sätzen über sich selbst. Er, der früher selber Krankenpfleger war, ist jetzt ein kühl rechnender Manager, zuständig für rund 890 Mitarbeiter und rund 29000 Patienten, die pro Jahr stationär oder ambulant in den beiden Krankenhäusern behandelt werden. Der Mensch entwickelt sich eben, wechselt Kleider, Visitenkarten und die Perspektive.

Nach seinem Zivildienst wollte Cord Meyer nur eines: im Krankenhaus bleiben und Pfleger werden. Für die Ausbildung ging er nach Hamburg ins Krankenhaus Alten Eichen und arbeitete danach acht Jahre in verschiedenen Kliniken. Ein Ärgernis begegnete ihm stets aufs Neue, egal, wohin er kam: "Nicht das beste Argument war entscheidend, die Hierarchien zählten viel mehr." Meyer wollte sich nicht abspeisen lassen mit dem Hinweis auf Sachzwänge. Ihm ging es um den Patienten, um eine gute Pflege, um Arbeitsbedingungen, Innovationen, Teamgeist. Er entwickelte ein Konzept, wie der Pflegenachwuchs besser in den Klinikalltag eingebunden werden kann, um die Lücke zwischen Theorie und Praxis in der Ausbildung zu schließen. Meyer wurde als so genannter Praxisanleiter in einem Hamburger Krankenhaus angestellt, aber er konnte auch in dieser Position nicht so viel verändern, wie er es sich vorgenommen hatte. "Ich wollte Gestaltungsspielraum, und den gibt es nur zeitgleich mit dem Zugriff auf Ressourcen." Also verließ er das Krankenhaus und wurde mit 28 Jahren noch einmal Student. An der Fachhochschule Osnabrück studierte er Betriebswirtschaftslehre mit der Spezialisierung Krankenhausmanagement. Aha!, riefen da die früheren Kollegen. Du wechselst jetzt also die Seiten. Wirst einer mit Schlips und Kragen, rennst nur noch mit dem Taschenrechner über die Stationen, zu fein, um alten Leuten den Schieber unter den Po zu stellen!

Cord Meyer musste lernen, mit solchen Anfeindungen umzugehen, aber es trieb ihn ja nicht die Karrieresucht, sondern der Wunsch, "es besser zu machen". Ein Medizinstudium, sagt er, wäre deshalb auch nicht infrage gekommen, weil er sich dann schließlich nur eingereiht hätte in die Hierarchien, die ihn so störten.

Von manchen Idealen musste sich Meyer schnell verabschieden, um die neue Rolle als zukünftiger Betriebswirt überhaupt für sich annehmen zu können. "Zuerst wurde mir klar, dass es unmöglich ist, immer die individuelle Sicht des Patienten zu wahren", erinnert er sich.

Heute verwaltet er ein Budget von 52 Millionen Euro für zwei Kliniken, und jede Entscheidung, die Geld kostet, geht über seinen Tisch. Er muss sich durchsetzen im Machtdreieck zwischen lang gedienten Medizinern, Pflegern und dem Management des Sana-Konzerns. Das hat ihn verändert. Sein Erfolg, sein Ansehen hängen inzwischen entscheidend davon ab, im richtigen Moment deutlich nein zu sagen. "Die Bedürfnisse sind unendlich groß. Es ist unmöglich, es allen recht zu machen", sagt er.

Bewilligt Meyer beispielsweise für die Kardiologie ein Echo-Kardiografiegerät, stellt aber die Beschaffung eines Sonografiegerätes für die Gefäßchirurgie zurück, spricht sich das herum und sorgt für Unmut. Sachzwänge so gut zu erklären, dass sie akzeptiert werden, ist eine seiner Hauptaufgaben als Geschäftsführer. Da hilft es ihm, die Sprache der Ärzte zu verstehen und aus seinen Erfahrungen als Pfleger Sachverhalte besser einschätzen zu können. Er will die Realität kennen, die hinter den Zahlen steckt, um sie beurteilen zu können. "Die Entscheidung aber wird durch dieses Wissen nicht einfacher, weil ich die Konsequenzen viel besser überblicke und weiß, dass sie oft eine Zumutung für die Beteiligten sind."

Meyers ehemaliger Professor von der FH Osnabrück, Manfred Haubrock, sieht den Konflikt heutiger Klinikmanager vor allem im Zwiespalt zwischen immer noch herrschender Planwirtschaft im Gesundheitswesen einerseits und dem Streben nach mehr Marktwirtschaft auf der anderen Seite. "Die Manager können den Rahmenbedingungen und Regularien nicht ausweichen, sollen aber gleichzeitig ihre wenigen freien kreativen Räume mit mehr Wettbewerb füllen", sagt er. Also mehr tun, als "Kostensenkungsstrategien zu fahren" und bloß zu verwalten. Längst stehen die Krankenhäuser im harten Wettbewerb um Bettenbelegungs- und Patientenzahlen. Da kommt es auf Außenwirkung und Werbung an, auf den Ruf der Mediziner und Pflegekräfte, auf die technische und räumliche Ausstattung. Patienten wollen nichts von Sparmaßnahmen wissen, wenn es um ihre Gesundheit geht. Also kann Meyer nur versuchen, gemeinsam mit dem Klinik-Team eine "bestmögliche medizinische Behandlung bei wirtschaftlicher Betriebsführung" durchzuhalten, wie er es formuliert. Und bei allen kreativen Ausbruchversuchen immer schön "systemkonform" zu arbeiten. Im Moment bedeutet das, die Abrechnung über Fallpauschalen einzuführen und die stationäre und ambulante Versorgung besser miteinander zu verknüpfen. Lange Liegezeiten bringen durch das neue Fallpauschalen-System kein Geld mehr; jetzt zählen allein Diagnosen und Behandlungsmethoden. Also hat sich Cord Meyer gemeinsam mit Ärzten und Pflegern den ambulanten Pflegedienst Sana mobil ausgedacht, der dann einspringt, wenn Patienten zwar aus dem Krankenhaus entlassen sind, zu Hause aber noch medizinisch versorgt werden müssen.