Kann man ein Buch besprechen, das man nicht gelesen hat? Kann man Texte besprechen, die man nicht verstanden hat? Beides tue ich hier jedenfalls. Zugegeben: Was in den Büchern steht, habe ich über die Jahrzehnte als einzelne Aufsätze oder Kritiken mehr oder weniger vollständig in Zeitungen und Zeitschriften gelesen. Und verstanden habe ich die Texte auch damals schon nicht, auch nicht, wenn die Autorin sie mir bei unglaublich raffiniertem Gekochten in ihrer eleganten Altbauwohnung in Schwabing erklärte, damals, als wir alle befreundet waren. Wir konnten uns eher über die cuisine au beurre, die aus Lyon kommt wie die Brüder Lumière, verständigen als über Roland Barthes.

Aber "Nichtverstehen" ist natürlich immer auch Nicht-verstehen-Wollen oder einfach Faulheit, nach den verborgenen Schätzen zu graben. Nur hat das mein Lesevergnügen damals so wenig wie heute beeinträchtigt. Ich erfreue mich an ihren Geistesblitzen, an ihren Kenntnissen und Entdeckungen, die sie zu einem neuen Netz verknüpft. Sie will ja keine These vor dem Film aufbauen, sondern dass man ihn sieht, als wär’s zum ersten Mal, "ohne These, ohne Linearität des Drehbuches als ein Netz aus Bezügen und Anspielungen, zu deren Erklärung sich viele Schlüssel auf einmal anbieten". Ebenso wenig muss ich Ihnen also diese Texte erklären, nur Lust machen aufs Lesen, denn wie der von ihr verehrte Antonin Artaud schrieb: "Sehen wir ein, dass das Gesagte nicht noch einmal gesagt werden muss."

Es handelt sich um eine wunderbare Reihe kleiner kartonierter Bände beim Verlag Brinkmann&Bose in Berlin, die sehr wissenschaftlich und ein bisschen esoterisch wirken. Schon die Titel sind irgendwie enigmatisch: 1. Band Filmfarben, 2. Band Licht aus Berlin, 3. Band Nur das Kino, 4. Band Aus dem Off.

Das alles sind Schriften von Frieda Grafe, die Enno Patalas, ihr Witwer, mit der ihm eigenen Sammler- und Archivarleidenschaft zusammengetragen und in ihrer ursprünglichen Form, also vor Kürzung und Veränderung durch die jeweiligen Feuilletonredaktionen, wiederhergestellt hat, nicht anders, als handele es sich um verschollene Stummfilmkopien. Die Texte klingen auch wie aus einer fernen Zeit, als das Kino von einigen wenigen Hohen Priestern fast religiös als siebte Kunst gefeiert wurde, hoch erhaben über die alten Künste wie Literatur, Malerei oder Theater.

Ich erinnere gut, wie auch für mich damals die Berufswahl war, als ob ich in einen Orden eintreten würde. Tatsächlich hatte ich zuvor ernsthaft überlegt, in der Societas Jesu des Ignazius von Loyola unterzutauchen. Auch dort hätte ich mich wohl mit der mystischen Bedeutung des Lichtes befassen können, nicht weniger glühend als Lotte Eisner, wenn sie von der "Stimmung" des Lichtes bei ihren beiden großen Heiligen Murnau und Lang sprach, das in Frieda Grafes Texten noch nachglüht.

Aber Frieda war auch damals schon eine Häretikerin, die das Erhabene gern mit Klatsch und Gerüchten aus dem Privatleben dieser Größen relativierte, um ihnen dann Lubitsch entgegenzuhalten, bei dem es auch in den Filmen ganz unheilig und nie bedeutungsschwanger zuging. Das meiste las sie zwischen den Zeilen, beim Film also in dem schwarzen Flimmern zwischen den Bildern, mit einer oft beunruhigenden Intuition für das, was der Regisseur sorgfältig verbergen wollte und umso unmissverständlicher preisgab für die, die sehen konnten. Gleichzeitig forschte Frieda Grafe aber in Biografien, in Filmkurierblättern und Briefwechseln nach Belegen für ihre Erkenntnisse, vor allem befragte sie Überlebende mit geradezu komplizenhafter Insistenz, so habe ich sie jedenfalls oft mit Josef von Sternberg erlebt, als er sie 1969 besuchte und ich das führerscheinlose Ehepaar Patalas/Grafe samt ihrem Gast an den Ammersee zu Wolfram Siebeck und seiner Frau chauffieren durfte. Als Belohnung gab es dann die eingangs schon erwähnten, mit viel zu viel Butter angereicherten Gastmahle.

Vom Faschismus als Stickerei

Da Frieda Grafe in ihren Kritiken die Filme, die sie "bespricht", eben nicht bespricht, braucht man die Filme auch nicht so gut zu kennen wie sie, um die Texte zu lesen. Man braucht sie auch nicht zu "verstehen", denn die Autorin will ja gerade nichts erklären. Weshalb sie in den Redaktionen sehr umstritten war und heute wahrscheinlich nicht einmal gekürzt gedruckt würde. Und weshalb diese Bücher heute so wichtig sind und vielleicht einer neuen Generation die Augen öffnen.