Früher… Alles, was mit dem Wort "früher" anfängt, klingt gegenwartsgeschädigt und vergangenheitsselig, es klingt nach Sonnenuntergang, nach alten Herren auf der Parkbank. Früher jedenfalls, als man noch jünger war, konnte man, wenn der Frühling kam (vom Sommer zu schweigen) und die Mädchen oder Frauen oder Damen sich in leichter Kleidung auf die Straße trauten, da konnte man das je nach Stoff mehr oder minder deutliche Sichabzeichnen und allmähliche Kleinerwerden dessen beobachten, was darunter getragen wurde und Schlüpfer oder Slip genannt wurde. Und heute? Heutzutage zeichnet sich gar nichts mehr ab. Was immer die Mädchen oder Frauen oder Damen darunter tragen und wie immer es heißen mag: keine Zeichen mehr, keine Andeutungen, keine Aussichten, Reduktion von Komplexität, uniforme Abwesenheit geprägter Form.

Wenn wir diesen Befund als Stringtheorie bezeichnen, dann stellt sich sofort die Frage, was die Stringtheorie mit der Steuerreform zu tun hat. Nun, die Steuerreform ist kein Thema, das man besonders sexy nennen könnte (worunter die bedauernswerten Kollegen in Politik und Wirtschaft leiden). Aber: Wenn sich Friedrich Merz (im Schatten von Kirchhoff, Uldall et al.) durchsetzen sollte, dann kriegen wir genau dasselbe wie im Falle der Damenunterbekleidung: kulturellen Niedergang. Was anderes ist Kultur als Formenreichtum, Multiperspektivität, Komplexität? Und wo ist (war?) mehr Kultur als im deutschen Steuerrechts- und Steuerberaterwesen? So wie der Christ auf Ostern hin lebt, so lebt (lebte?) der Steuerzahler auf den Einkommenssteuererklärungsabgabetermin hin, und so wie jener (der Christ) die Bescherung erwartet, so dieser den Bescheid. Bescheid und Bescherung: heilige, geheimnisvolle Vielfalt! Das ist Kultur. So wie ja auch die Vielfalt weiblicher Ent- und Verhüllung Kultur ist, schönste naturgemäß.

Man stelle sich vor: drei simpel-triste Stufen. Als ob nicht im stufenlosen Anschwellen der Schmerz- und Steuerkurve stille Lust verborgen läge! Keine Abschreibungen mehr, keine intelligenzfördernden, fantasieheischenden Reize, nichts zeichnet sich mehr ab, öde Einschränkung der Perspektiven, Uniformität. Kein Bescheid im Sinne der Bescherung mehr, alles wäre ja schon ausgerechnet! Schließlich: das Ende der kulturtragenden Schicht schlechthin, der Priesterschaft der Steuerberater! Dass die Stringtheorie in die Hose gegangen ist, haben wir ertragen müssen. Und jetzt Merz. Quousque tandem?