Jack Brennan ist kein Mann leerer Worte. Als Chef der Vanguard Group, der zweitgrößten Anlagefonds-Firma Amerikas, schrieb er im vergangenen Jahr einen geharnischten Brief an die Chefs einiger hundert US-Konzerne: Mit Skandalen und der laschen Selbstaufsicht ihrer Vorstände müsse Schluss sein. Anders sei das Vertrauen der Anleger nicht zurückzugewinnen. Vor einer Woche bekamen die Chefs einen neuen Brief von Brennan: Es sei noch "viel mehr Wandel" nötig, und Vanguard werde sich jetzt nichts mehr bieten lassen. In drei Hauptversammlungen stimmten Brennans Fondsmanager kürzlich gegen mehr als zwei Drittel der zur Wiederwahl gestellten Vorstände – sie seien nämlich "nicht unabhängig genug".

Genau so, sagen fast alle Experten zum Thema Unternehmensaufsicht, sollten Amerikas Finanzmärkte eigentlich funktionieren: selbstregulierend. Nach dem Zusammenbruch des Energiekonzerns Enron und des Telefonriesen WorldCom, nach einer Fülle von Skandalen um betrügerische Buchhalter und korrupte Banker sind die hauptberuflichen Aufseher nämlich nach wie vor überfordert. Die Finanzmarkt-Aufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission (SEC) hat zu wenig Personal und ist – das gibt sogar ihr im Februar angetretener Chef William Donaldson zu – noch "mit dem Prozess ihres inneren Wandels" beschäftigt. Die New Yorker Börse wiederum ist in ihren ganz eigenen Skandal um ihren überbezahlten Exchef Richard Grasso verwickelt. Die beste Marktaufsicht, glauben viele Aufseher, stellt daher der Markt selbst bereit: gut informierte Großanleger wie Jack Brennan und seine Fondsgesellschaft Vanguard, die "ihren" Unternehmen genau auf die Finger schauen.

Doch jetzt hat auch die amerikanische Fondsbranche ihren großen Skandal. Der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer, der in den vergangenen Monaten geradezu einen Kreuzzug gegen korrupte Bankiers und Analysten an der Wall Street gestartet hatte, ermittelt nun gegen die Fonds. Wegen zweifelhafter Geheimdeals bei Putnam Investments zum Beispiel, dem fünftgrößten Anbieter offener Investmentfonds in Amerika, der gut 270 Milliarden Dollar Kapital verwaltet. Oder bei Prudential Securities, heute ein Arm der Finanzgruppe Wachovia. Oder bei Strong Mutual Funds, wo der Chef persönlich verbotene Geschäfte abgeschlossen haben soll. Auch Merrill Lynch und Morgan Stanley, die Bank of America und die Deutsche Bank erhielten die Aufforderung, Unterlagen herauszugeben.

Die deutschen Fondsgesellschaften preschen mit eigenen Lösungen vor

Wie lautet der Vorwurf? Es geht um das offenbar weit verbreitete "Market Timing", das Spitzer und seinen Kollegen gründlich missfällt: Anleger nutzen bei international agierenden Aktienfonds die wegen der Zeitzonen unterschiedlichen Handelszeiten aus. Sie verdienen schon an kleinen

Kursdifferenzen – zulasten der langfristigen Anleger. Ein Beispiel: Wenn die amerikanischen Aktienkurse nach Börsenschluss in Europa kräftig anziehen, wissen die "Market Timer", dass die europäischen Aktien diese Bewegung am folgenden Tag nachahmen werden. Also kaufen sie einen international anlegenden Fonds, der europäische Aktien enthält und dessen Preis nach Börsenschluss in den USA festgestellt wird. Die Kursgewinne des kommenden Tages haben sie damit in der Tasche.

Das ist zwar nicht illegal, verstößt aber gegen die Statuten der meisten Fonds. Zumal besonders einflussreiche Kunden offenbar regelmäßig auf dem Laufenden gehalten wurden, welche Papiere der Fonds gerade hielt: Einige Hedgefonds machten auf diese Weise ein gutes Geschäft, indem sie dank der Exklusivinformationen mit den Papieren offener Investmentfonds handelten.

Eindeutig illegal ist eine zweite Praxis: Beim "Late Trading", erhalten die Hedgefonds auch Stunden nachdem die Fondspreise festgestellt worden sind noch die alten Preise. Diese Praxis verstößt gegen das Gesetz, wonach jeder Anleger immer nur zu dem noch festgestellten Preis Fondsanteile erwerben darf. Mit Late Trading" können die Anleger kursbeeinflussende Ereignisse in den USA selbst auszunutzen, zum Beispiel überraschend gut ausgefallene Unternehmenszahlen, die erst nach Börsenschluss bekannt werden. Zwar ist seit 1968 vorgeschrieben, dass amerikanische Anlagefonds ihren Tageswert um 16 Uhr New Yorker Zeit festlegen – zu den Schlusskursen der US-Wertpapiere. Aber einige Fonds haben bevorzugten Investoren offenbar erlaubt und dabei geholfen, nach der Schlussglocke noch außerbörsliche Geschäfte mit ihren Fondspapieren vorzunehmen.