Berlin

Neulich, da hat Sigmar Gabriel gemeinsam mit zwei anderen Sozialdemokraten, die offenbar auch nicht ohne Zukunft sind, über die Grundwerte der SPD gesprochen und sich mit den Worten vorgestellt: "Wir drei sind nur eine Auswahl." Am Programmpapier des so genannten Netzwerks – eines Zusammenschlusses jüngerer Sozialdemokraten –, das sie der Öffentlichkeit präsentierten, hätten noch einige andere mitgearbeitet. Damit keine Missverständnisse aufkommen.

Zufall ist es aber nicht, dass Sigmar Gabriel, 44, Oppositionsführer im Landtag von Niedersachsen, einer der drei Auserwählten war, neben den Bundestagsabgeordneten Ute Vogt und Christoph Matschie, beide Netzwerker der ersten Stunde und mittlerweile auch Staatssekretäre im Kabinett Schröder. Er hat es so gewollt. Einige Netzwerker wollten ihn auch. Eine Allianz zur gegebenen Zeit. In Gerhard Schröders und Olaf Scholz’ Kanzler-SPD entstand so ein bisschen Bewegung.

Man sollte die Tragweite wohl nicht überschätzen, aber Sigmar Gabriel immerhin ist ganz zufrieden. Ohne seine Einladung zur Klausur nach Bad Münstereifel (ZEIT Nr. 46/03), wo er als Stellvertretender Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung den Hausherrn geben konnte, hätten die Netzwerker kaum so viel Aufmerksamkeit gefunden. Fraktionsbildung interessiert immer. Wenn man es geschickt anstellt, hilft sie vor allem auf dem Weg nach oben. Der ominöse "Andenpakt" der CDU-Aufsteigerseilschaft, voran Roland Koch und Christian Wulff, ist das beste Beispiel. Gabriel und die Netzwerker wollen eine Art "Andenpakt" der SPD sein: ein Bündnis für die Durststrecke nach Schröder.

Ohne Bad Münstereifel und das Netzwerk-Papier wäre Gabriel nach seiner Niederlage bei der Landtagswahl in Niedersachsen Anfang Februar kaum wieder so schnell ins politische Geschäft gekommen. War es zu schnell? Der stern schrieb nach Bad Münstereifel bereits von der "Generation Gabriel". Das ist nicht ungefährlich. Haben die Netzwerker sich etwa in den vergangenen Jahren zwischen der Parlamentarischen Linken und dem Seeheimer Kreis um die Aufmerksamkeit Schröders und der Medien bemüht, damit jetzt Gabriel kommt und erntet? "Keiner von denen will sich vereinnahmen lassen", sagt er. Er muss vorsichtig sein, klar.

Er weiß auch, dass er nicht nur auf die Empfindlichkeiten der jungen Staatssekretäre und all der anderen, die das auch noch werden möchten, zu achten hat. Da ist auch noch Olaf Scholz, der Generalsekretär, der Mann, der sich von Amts wegen für die SPD-Grundwerte zuständig fühlt und obendrein dem Kanzler in der Partei den Rücken freihalten soll, wenn nötig, als Prell- und Sündenbock. Wäre Gabriel nicht die nahe liegende Lösung, wenn Scholz auf dem Bochumer Parteitag von den Delegierten für Schröders Agenda 2010 abgestraft wird?

Alles Quatsch, keine Rede davon, ich niemals! Sigmar Gabriel, vom Debakel in Niedersachsen offenbar genesen, schließt eine solche Operation für seine Person strikt aus. Nicht, dass er sich den Job nicht zutraute. Aber passte er denn besser zu Schröder und dessen Arbeitsstil, als Scholz dies tut? Skepsis ist angebracht. Schröder mochte den jungen Mann aus Goslar zwar, förderte ihn und verhieß ihm eine steile Laufbahn. Doch diese Nähe war nicht immer hilfreich für den Aufsteiger, im Landtagswahlkampf versuchte Gabriel denn auch, sich deutlich gegen die rot-grüne Bundesregierung zu profilieren, was nicht mehr half, den Kanzler aber ziemlich ärgerte. Die Entfremdung war spürbar.

Auf den Anruf aus dem Kanzlerbüro wartet Gabriel also nicht. Das darf man ihm glauben. Ohnehin ist er beschäftigt. Er knüpft jetzt mit am Netzwerk. Nur als Teil einer "Auswahl", aber unübersehbar.