Tiflis

Vor über einer Woche haben die Georgier ihr Parlament gewählt. Und noch immer streiten sie über den Ausgang. Präsident Eduard Schewardnadse und sein Clan haben es mit einigen Manipulationen wohl geschafft, die meisten Stimmen für sich zu verbuchen. Platz zwei eroberte die Partei des Lokalfürsten Aslan Abaschidse aus der autonomen Provinz Adscharien, an dritter Stelle liegt die demokratisch gesinnte Oppositionspartei der Nationalen Bewegung. Auch Abaschidse hat die Wahlen zu seinen Gunsten beeinflusst, dafür spricht schon das Ergebnis, das er in seiner Provinz erzielte: um die 95 Prozent der Stimmen.

Es sieht so aus, als wolle sich Schewardnadse – wieder einmal – mit Abaschidse verbrüdern. Gemeinsam würden sie im Parlament die Mehrheit stellen. Kurz nach den Wahlen hatte Abaschidse sich zum militärischen Alleinherrscher seiner Region erklärt. Diesen Schritt, der gegen die georgische Verfassung verstößt, ließ Schewardnadse kommentarlos geschehen, obgleich damit nach Abchasien eine dritte Region dem georgischen Staat zu entgleiten droht.

Entsprechend empört sind die demokratisch gesinnten Oppositionsparteien. Seit Tagen fordern Tausende von Demonstranten in Tiflis die Annullierung der Ergebnisse, manche auch den Rücktritt Schewardnadses. Gespräche mit dem Präsidenten sind gescheitert, einige Oppositionelle sind inzwischen in einen Hungerstreik getreten.

Die Regierung sperrte in den letzten Tagen die Hauptstadt ab, um Demonstranten aus der Umgebung den Zutritt zu verwehren. Der Verteidigungsminister erklärte, die Lage sei "praktisch außer Kontrolle". Dazu blendet das staatliche Fernsehen verlebte Sowjetmenschen mit Panzerglasbrillen ein, die murmeln: "Diese Destabilisierung muss ein Ende finden." Sonderbarerweise sind auf dem Sender nur harmlose Grüppchen von Demonstranten zu sehen. Dagegen zeigt ein unabhängiger Fernsehkanal immer wieder wieder Zehntausende von Menschen, die Fahnen schwenken und "Unser Georgien" brüllen.

Schewardnadse hat seine Glaubwürdigkeit längst verloren. Weitaus mehr Vertrauen genießt die Opposition. Sie steht vor der schwierigen Aufgabe, für ihre Rechte zu kämpfen, ohne dass es zu einem Bürgerkrieg kommt.