Am kommenden Sonntag, zum Auftakt des SPD-Bundesparteitages, kehren zwei Kabinettsmitglieder in ihre Heimatstadt zurück. Wolfgang Clement und Otto Schily, die Minister für Wirtschaft und für Inneres, sind beide in Bochum aufgewachsen – und vor mehr als fünfzig Jahren haben sich ihre Wege dort bereits gekreuzt. Clement war damals Schüler, ein schlaksiger Junge aus katholischem, kleinbürgerlichen Elternhaus, der in jenen Nachkriegsjahren ähnlich aussah wie die Straßenkinder aus dem Wunder von Bern.

Meistens spielte er in seiner Freizeit Fußball, aber einmal kletterte er gemeinsam mit seinem Klassenkameraden Dieter auf eine Gartenmauer und schaute zwei wohlhabenden, etwas älteren Nachbarsjungen beim Krocketspielen zu: Otto Schily und seinem Bruder Konrad, den behüteten Söhnen eines Hüttendirektors. "Wir dachten damals, die spielen Golf", erinnert sich Clement. Für ihn war es ein Blick in eine fremde, kaum erreichbare Welt.

Die Klassengegensätze der fünfziger Jahre, die sozialen Unterschiede in der Malocherstadt Bochum haben Wolfgang Clement geprägt. Schon als Schüler, sagt der stellvertretende SPD-Vorsitzende, habe er "sozialdemokratisch gedacht". Für Clement ist das bis heute beinahe gleichbedeutend mit: Chancengleicheit, Zugang zu Bildung, Aufstiegsmöglichkeiten. Keiner seiner Jugendfreunde – Söhne von Bäckergesellen oder von Bergarbeitern – hat es auf die Universität geschafft, was Maurersohn Clement stets als Unrecht empfand. In seiner eigenen Familie war er selbst der erste Akademiker, der Vater hatte sich mühsam zum Baumeister hochgearbeitet. "Für mich", sagt Clement, "war und ist die SPD die Gerechtigkeitspartei."

Am Berliner Kabinettstisch sind die Kinder kleiner Leute nahezu unter sich: Der Kanzler ist Sohn einer Putzfrau, der Vater von Bildungsministerin Edelgard Bulmahn war Binnenschiffer, Heidemarie Wieczorek-Zeuls Eltern verdienten ihr Geld mit einem Lebensmittel- und Gemüsegeschäft, und Verteidigungsminister Peter Struck stammt von einem Autoschlosser ab.

Die Erfahrung des Durchbeißens

Deutschland wird von Aufsteigern regiert. Man kann lange darüber streiten, welche politischen Folgen das hat: Der Darmstädter Soziologieprofessor Michael Hartmann unterstellt ihnen besondere Härte, nicht nur im parteiinternen Konkurrenzkampf, sondern auch beim Reformieren. Denn in der Wirtschaft seien es ja meist Außenseiter, die besonders hart sanierten, während die Bürgerkinder für das Visionäre zuständig seien.

Dass so viele Arbeiter- und Kleinbürgerkinder im Kabinett sitzen, mag für eine sozialdemokratische Partei fast selbstverständlich klingen. Das ist es aber nicht. In anderen Industrieländern stehen oft Sprösslinge der oberen Mittelschicht an der Spitze linker oder halblinker Parteien; Großbritanniens Labour-Premier Tony Blair etwa studierte in Oxford und ist Sohn eines Rechtsanwalts. In Deutschland kommt das Personal beider großer Volksparteien aus fast allen sozialen Schichten – normalerweise sind gerade Sozialdemokraten stolz darauf. Noch im vergangenen Wahlkampf wetteiferten Schröder und sein CSU-Herausforderer Edmund Stoiber in einem Fernsehduell sogar darum, wer aus den kleineren Verhältnissen stamme.

Kaum ein anderes Thema dürfte den gemeinsamen Gefühlshaushalt der Sozialdemokraten so sehr bestimmen wie die Überzeugung, dass Aufstiegschancen und der Zugang zu Bildung keine Frage von Herkunft und Beziehungen sein sollten. Die persönliche Erfahrung von schwierigen Aufholprozessen ist möglicherweise das stärkste Bindeglied zwischen Ostlern und Wessis, Jungen und Alten, Linken und Rechten.