Das Hörspiel lebt. Nicht nur bei dem traditionellen Wettbewerb, den die Berliner Akademie der Künste in diesem Jahr zum 17. Mal ausgerichtet hat, zeugen Autoren wie Elfriede Jelinek, Bernward Vesper und Bodo Kirchhoff von der überraschenden Konjunktur der Gattung. In Deutschlands einziger wirklicher Großstadt, die schon Pioniere wie Walther Ruttmann und Alfred Döblin inspirierte, hat sich eine unabhängige Szene von Autoren, Musikern, Regisseuren, Clubs und Labels entwickelt, die vorzugsweise rund um den Boxhagener Platz in Friedrichshain Quartier genommen hat meistens Quereinsteiger, die beim Uni-Radio gelernt haben, "eigentlich mit Kunst zu tun haben" und sich zwischen Stipendien gelegentlich auch mit Türsteher-Jobs über Wasser halten. Hörbarer Nachteil des meist eher unakademischen Zugangs ist die mangelnde Selbstreflexion des Mediums, die doch seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts im Neuen Hörspiel Standard wurde. Hörbarer Vorteil hingegen ist die aus Bastelbiografie, Mediensozialisation und urbaner Praxis geschulte Fähigkeit, auf aktuelle Themen zu reagieren.

Neben der Fehler-Pan-Tappert-Galerie auf einem zwischengenutzten Bahngelände an der Warschauer Straße darf die Welt der "Wohnzimmermusik" als einer der Geburtsorte der Szene gelten, die sich während der neunziger Jahre in Läden wie Karel Dubas Karel Dubar traf, um dort den "Hörcomics" von Rininat Rebresch und Perdie Blumm (bürgerlich: Christian Berner und Frank Schültge) zu lauschen. Mit Tröten, Flöten und Plastikratschen vom Flohmarkt, den Hörspielkassetten ihrer jüngeren Geschwister und einem an Max Goldt und Helge Schneider geschulten Humor zwischen Dada und Gaga liefern sie absurde Miniaturen: Hanni und Nanni gründen einen Club umherschweifender Haschrebellinnen, die Blutorgel aus der Geisterjäger John Sinclair- Schundromanwelt wird mit ironischen Kommentaren zerlegt.

Montagen aus dem Motorraum

Auf dem Gelände einer ehemaligen Autowerkstatt wurde in dem so genannten Lovelite-Club, dessen Befestigung von außen martialisch bis nordirisch wirkt, im Jahr 2000 die Hörspielgalerie gegründet. Trotz ihrer schwer subkulturellen Biografien als HipHop-DJs, Rapper oder Karriereverweigerer erweisen sich die Betreiber bei näherer Betrachtung als zivilisierte Zeitgenossen, die sich mit individuellen Live-Umsetzungen von Hörstücken beschäftigen. Sie erfinden lustige Genres wie "Nu School Western" oder werfen den deklamatorischen Stil aus der Kinderstube des Radios mit aktuellen Beats und Scratches in den Mix. Nicht alles ist Ironie, bricolage, Trash-Recycling und Experiment. In dem Stück Shell führt durch den Motor wird etwa die bedenkliche Verstrickung globaler Konzerne in Kriegsökonomien behandelt. Da bitten "Marina und die Jungs vom See" in 20 Minuten zu einer "Magical History Tour" und bieten eine knirschende, gruselig-großdeutsche Gemeinschaftsübertragung von "Stille Nacht". Zwischen Stalingrad und einem U-Boot-Stützpunkt am Atlantik verhallt das Weihnachtsgeleiere, es grüßen auch die Verwundeten aus dem Heeresgenesungsheim in der Tatra.

Doch wie bei den meisten der jungen Berliner Autoren handelt es sich dabei nicht um das bloße "Kino ohne Bilder". Atmosphären, Perspektiven und Quellen werden flott aneinander montiert: Meyers Konversations-Lexikon, Hesse-Lyrik, Zitate aus Werbespots und -schriften wechseln mit trocken referierten Zahlen, Daten und Fakten und Innenansichten aus dem Motorraum ab und nutzen so das Potenzial des Mediums.

Das Autorenteam GMP hingegen untersucht die Dienstleistungsgesellschaft und ihre zweifelhafte Rhetorik und lässt in Happy Shopper, Coverversion bereits die einleitenden, im unsäglichen Management-Deutsch der mittleren Führungsebene gehaltenen Aufmunterungen von heftigem Dialekt brechen. Die Versprechungen an den "Kadernachwuchs mit abgeschlossener Berufsausbildung" entkräftet eine Endlosschlaufe stereotyper Kassengespräche, die von elektronischen Rhythmen abgelöst werden. Wenn der Chor ein schräges "The customer is always right!" einwirft, ist bereits zu ahnen, was das minutenlange Zappen durch den Radio- und Fernsehmüll noch einmal belegt: Der kommerzielle "Junk Space" (Rem Koolhaas) hat längst die Shopping-Malls verlassen und beherrscht den medialen Raum.

Die Panzerdivision Fischer/Trittin

Über die Verschiebung gesellschaftlicher Mittel- und Mitte-Lagen wird auch im Journalistenbüro Die Praxis diskutiert, das in der zwischen Punks und Polizei umkämpften Kreutziger Straße liegt. Während man sich in den Wohnprojekten auf der anderen Straßenseite noch vom Jahre währenden Ausnahmezustand erholt, befindet man sich hier bereits im Aufnahmezustand und nutzt die Lücke, die der Boom gelassen hat, um sich kollektiv und mit kleinen Monatsmieten einen Raum zu schaffen, der die materiellen Bedingungen für eine kritische Reflexion der Verhältnisse schafft.