Die Bäume in Manhattan tragen ein müdes Grün, über New Jersey hängt ein Dunstschleier. Blass schimmert der Hudson River in den Abgasen der morgendlichen Rush-Hour. Nördlich der Stadt verschwindet der Fluss hinter gesichtslosen Neubausiedlungen, tristen Vorstädten und zahlreichen Highways, bis er eine Stunde später wieder auftaucht – jetzt als dunkelblaues Band. Am anderen Ufer zeichnen sich die Bergkuppen vom klaren Himmel ab. Birken, Ahornbäume und Eichen leuchten in Gold und Orange und manchmal in flammendem Rot. So viel Natur nach so viel Stadt. Süß riecht die Luft im Bear Mountain State Park, dem ersten, 1910 im Staate New York eröffneten Naturpark. Wer hier auf der knorrigen Bank verweilt und auf den See und die Schwäne blickt, hört plötzlich eine Frauenstimme. Aus dem Nichts beginnt sie zu sprechen: "Der so genannte harte Winter von 1790 setzt den revolutionären Truppen Washingtons schwer zu. Tag für Tag, von Dezember bis April, schreiben die Soldaten ihre Litanei von verschneitem Wetter, von schmutzigem Wetter, von unerträglichem Wetter in ihre Tagebücher – viel Eis, viel Eis im Fluss, extreme Kälte…"

Seit Jahren schon treiben keine Eisschollen mehr die 315 Meilen von der Hudson-Quelle im Lake Tear of the Cloud in den Adirondacks bis zur Mündung in der New York Bay hinab. Die sprechende Bank der Künstlerin Constance de Jong soll nicht nur an eine Situation während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges erinnern, sondern auch Bilder heraufbeschwören einer im 19. Jahrhundert durch Industrie und Abholzung zerstörten Natur sowie Bilder der urprünglichen Bewohner dieser Gegend. Muhheakantuk nannten die Lenape-Indianer den Strom, "der in beide Richtungen fließt" – zumindest die Hälfte seines Weges unterliegt der Hudson den Gezeiten des Atlantiks, ist halb süß, halb salzig und seit einigen Jahren wieder von Fischen bevölkert. In den sechziger Jahren wurde er Schauplatz der ersten ökologischen Protestbewegung in den Vereinigten Staaten. Seit dem 11. September wird sein Tal nun von Zuwanderern aus New York City belagert, denen die Hamptons zu voll und zu teuer und Connecticut zu vorstädtisch ist. Sie suchen nach jener "kultivierten Wildnis", die Amerika mit dieser üppigen, zugleich an Mitteleuropa erinnernden Landschaft verbindet, seit Henry Hudson 1609 flussaufwärts nach China zu gelangen hoffte. Tatsächlich ziehen Waschbären, Stinktiere und wilde Truthähne durchs dichte Unterholz, kreisen kahlköpfige Adler über den Baumwipfeln. Und es kann passieren, dass ein Wolf den Highway kreuzt.

Die Installationen sind entlang einer Strecke von 120 Kilometern platziert

Der schwedische Künstler Matts Leiderstam hat an einem Dock zu Füßen der Bear Mountain Bridge ein Fernrohr aufgestellt, das mit Farbfiltern die Landschaft in goldenes Morgenlicht taucht oder sie in frostigem Blau erstarren lässt. Es ist eine der schönsten Stellen am Hudson, sie wurde bereits im 19. Jahrhundert von Malern der bekannten Hudson River School verewigt, und das Fernrohr hilft, diese berühmten Ausblicke einzurahmen. Segelboote und Tanker durchkreuzen das Gesichtsfeld. Es riecht nicht nur nach Wasser, sondern auch nach Teer und Tang: Das Erhabene und das Profane, das Ewige und das Alltägliche begegnen sich an dieser Kurve des Hudson und stören einander nicht. Man kann hier lange sitzen und dem Fluss als Metapher des Vergänglichen folgen oder den Schiffen hinterherschauen. Die majestätischen Kompositionen der Hudson River School entstanden übrigens genau zu dem Zeitpunkt, als Abwässer den Fluss zu verunreinigen begannen.

Die Arbeiten von Constance de Jong und Matts Leiderstam sind Teil des vor drei Jahren ins Leben gerufenen Watershed-Projekts, das eng mit Umweltorganisationen und anderen Kulturinstitutionen zusammenarbeitet. Es will einer Reihe bekannter Künstler Gelegenheit geben, sich mit Natur und Kultur des großen Stroms auseinander zu setzen, wiederum zu einem Zeitpunkt, da das Hudson-Tal große Veränderungen durchmacht. Neun Künstler wurden gebeten, Installationen für die 120 Kilometer lange Strecke zwischen dem Bear Mountain Park und der einst verkommenen und inzwischen mit Antiquitätenläden gespickten Kleinstadt Hudson zu platzieren. Meist sind die Kunstwerke schwer zu finden und eher unauffällig – sie sind sämtlich in die Natur integriert. De Jong hat eine weitere Bank am Eingang des entlegenen Madame-Brett-Parks in Beacon aufgestellt, wo ein reißender Bach beinahe die Stimmen übertönt, die von der Geschichte dieses Ortes, von der Eiszeit bis zur Blütezeit der Tioranda-Hutfabrik, erzählen.

Der in New York lebende Künstler Lothar Baumgarten plant für das kommende Frühjahr, auf einer durch die Bahngleise abgeschnittenen Halbinsel im Hudson sieben Betonringe unterschiedlichen Durchmessers in den Wald zu setzen, die den Spaziergänger zur Kontemplation einladen sollen. In einer frühen Arbeit verzauberte Baumgarten, der bei Beuys, Mitbegründer der Grünen Partei, studiert hat, ein Stück des Rheinufers unweit mächtiger Industrieanlagen filmisch in den Amazonas. Auch seine Installation am Hudson, die von sieben Cds mit Geräuschen des Waldes zu verschiedenen Tages-und Jahreszeiten begleitet wird, handelt von unserer Sehnsucht nach unberührter Natur und von deren Verlust.

Andere Teilnehmer des Watershed-Projekts haben einen eher pragmatischen Ansatz verfolgt. So ersetzte die kalifornische Künstlerin Pae White die fast in allen staatlichen Parks dem Vandalismus zum Opfer gefallenen Barbecues mit bronzenen Rosten in der Gestalt regionaler Tiere wie Fuchs und Frosch, Schildkröte und Eule. Den meisten Watershed-Installationen ist eine Lebensdauer bis mindestens Ende 2005 garantiert. Nur das aufwändige Projekt des Land-Art-Künstlers George Trakas, der die Halbinsel Beacon Landing um einen Park und Terrassen bereichert und sie vor schweren Erosionsschäden rettet, ist in die Zukunft gerichtet.