DIE ZEIT: Wenn man Ihrem Jahresbericht glaubt, explodiert die Korruption in der Europäischen Union. Sie haben in diesem Jahr fast ein Fünftel mehr Betrugsfälle zu bearbeiten.

FRANZ-HERMANN BRÜNER: Sie können aus den Zahlen nicht automatisch auf eine eklatante Zunahme der Probleme schließen. Wir entdecken inzwischen einfach mehr. Uns werden auch mehr Fälle zugetragen. Schauen Sie nur auf die neuen Beitrittsländer. In Rumänien werden zurzeit sehr viele Fälle registriert. Das zeigt, dass wir wunderbar kooperieren und die Rumänen am Problem Korruption arbeiten. Wenn uns hingegen aus einem Land nichts gemeldet wird, erregt das unser Misstrauen.

ZEIT: Das bedeutet, dass die EU seit jeher unter Betrug leidet und wir erst jetzt davon erfahren. Welche Dimensionen hat das? Lässt sich die EU-Korruption mit der in Köln oder Neapel vergleichen?

BRÜNER: Solche Vergleiche sind schwierig anzustellen, denn die EU bekommt ihr Geld auf eine ganz andere Art als eine Stadt und gibt es auch anders aus. Sie ist so verfasst, dass es auf der Einnahmen- wie auf der Ausgabenseite einfach zu Missbrauch kommen muss. Schauen Sie sich die Einnahmen an, da kommt ein wichtiger Teil aus Zöllen. Und die sind für Missbrauch seit je anfälliger als eine Einkommensteuer. Auch bei den Ausgaben hat die EU es nicht einfach: Achtzig Prozent des Haushaltes werden ja nicht von der Union selbst, sondern von ihren Mitgliedsstaaten durch vielfältige Programme ausgegeben. Da ist die Kontrolle mitunter schwierig.

ZEIT: Können Sie ein Beispiel nennen?

BRÜNER: Nehmen Sie die Landwirtschaft, einer der ältesten Politikbereiche der Union und darum in der Regel gut kontrolliert. Allerdings klagen gerade deswegen viele Nutznießer, es sei zu kompliziert, von der EU noch Mittel zu bekommen. Was wiederum manchen in Versuchung führt, die Regeln zu umgehen. Haben wir da womöglich überreguliert? Missbrauch können Sie auf zweierlei Art fördern: indem gar nichts geregelt wird und jeder sich bedient – oder indem zu viel geregelt wird.

ZEIT: Das gilt wohl nicht nur für die EU.