Sinnbildlich wie aus der Konfessionsfolklore stehen Kardinal Lehmann und Bischof Huber einander gegenüber, als Repräsentanten des Katholischen und des Protestantischen: rundlich-behaglich und nüchtern-schlank, aus dem alteuropäischen Mainz und aus dem preußischen Berlin, jovial und distanziert. Seit Huber in der vergangenen Woche zum EKD-Ratsvorsitzenden gewählt wurde, als Nachfolger des bodenständig pastorenhaften Manfred Kock, hat die Evangelische Kirche in Deutschland eine intellektuell glänzende Erscheinung an ihrer Spitze und das konfessionelle Widerspiel gleich viel mehr Farbe und Interesse.

Wolfgang Huber ist sofort in Presse, Funk und Fernsehen allgegenwärtig gewesen, mit Einschätzungen von Friedrich Merz’ Steuerkonzept (findet er erwägenswert) bis zum Fall Hohmann (fand er in der Union nicht erträglich). Der Neue war etwas reichlich auf Sendung. Man darf gespannt sein, wie Lehmann sich als Sprecher der katholischen Bischöfe dem verschärften Wettbewerb stellen wird. So typverschieden die beiden wirken, als gelernte Theologieprofessoren und Vertreter eines geistig satisfaktionsfähigen Glaubens sind sie einander verwandt und gewachsen. Die besten Darsteller stehen jetzt vorn auf der Bühne, und es kann sich zeigen, was das heißt: Kirche in der Berliner Republik.

Es gibt dafür eine diffuse Empfänglichkeit, eine Aufnahmebereitschaft, irgendwo zwischen verlorenem Religionsgedächtnis und erwartungsvollem Orientierungshunger. Das Gewohnheits- und Schicklichkeitschristentum der Bonner Epoche ist abgeräumt, nach dem Hauptstadtumzug in den ungläubigen Osten und mit einem rot-grünen Kabinett, das den Amtseid zu großen Teilen ohne "So wahr mir Gott helfe!" geschworen hat. Helmut Kohl pflegte seine Staatsbesucher mit Bedacht in den Speyerer Dom zu führen; Gerhard Schröder und Angela Merkel sind denkbar weihrauchlos und ungesalbt.

Zugleich ist dies ein Land, in dem die Kirchen eine bemerkenswert erfolgreiche Abwehrschlacht gegen Schröders Embryonen-Pragmatismus geliefert haben, in dem der Kopftuchstreit die Frage nach dem Abendland aktualisiert, in dem der Kanzler sich plötzlich für einen "Gottesbezug" in der EU-Verfassung erwärmen kann und die CDU-Vorsitzende merkt, dass sie ihre Rückbesinnung auf die freie Marktwirtschaft vor den Maßstäben der katholischen Soziallehre und der evangelischen Sozialethik rechtfertigen muss. Das Christentum ist nicht mehr tonangebend, aber dafür auch weniger langweilig, schon fast zur Wiederentdeckung reif, sogar ein bisschen schick.

Wolfgang Huber, der evangelische Hauptstadtbischof, hat sich als Schlüsselfigur für die Kirche in der neuen Zeit entpuppt, gesellschaftlich gewandt, überall ein gern gesehener Gast, beinahe eine moderne Hofpredigergestalt, dann aber wieder von würdebewusster Härte, wenn er etwa gegen das Land Brandenburg im Streit um den Religionsunterricht zu Felde zieht. Das Dogmatische wirkt beim gereiften Linksliberalen nicht hinterwäldlerisch, sondern apart. Lehmann, mit Helmut Kohl per Du und durchaus ein Gewächs der rheinischen Republik, stammt noch aus der alten Welt. Aber er trauert der Vergangenheit nicht als einem verlorenen Einfluss- und Geltungsparadies nach. Kohl, sagt er, habe im Gespräch eher Entspannung gesucht, Politik war da kaum zu machen, und die Bonner Selbstverständlichkeiten hätten viel an Säkularisierung und Entfremdung zugedeckt. Schon Adenauer sei doch im Grunde antiklerikal gewesen. Vielleicht hat die späte, ärgerlich lange verweigerte Kardinalserhebung durch den Papst Lehmann auch etwas "römischer" gemacht, weniger befangen im bundesdeutschen Gesellschaftsproporz, wo die Kirchen ihre Rolle zu spielen hatten, offener für den kämpferischen Weltkatholizismus Johannes Pauls II.

Doch Huber ist als Bischof anders geworden, konzentrierter auf das geistliche Kerngeschäft, fortschrittsskeptischer; er hätte früher schwerlich unbefangen von der "Sehnsucht nach dem Heiligen" gesprochen oder beim Dialog mit den Muslimen vor "interreligiöser Schummelei" gewarnt. Er redet inzwischen auch viel vom Protestantischen, pocht auf den Wert der Luther-Bibel und findet überhaupt, dass die evangelische Kirche auf Selbstachtung halten sollte, Rom lässt es daran ja auch nicht fehlen. Ein etwas kühlerer Luftzug im ökumenischen Miteinander ist wohl die Hauptsorge, die Lehmann beim Gedanken an seinen frisch gewählten Partner empfindet.

In Hubers neuer bischöflicher Strenge steckt mehr als eine individuelle Entwicklung, mehr als bloß noch eine selbstkritisch gewendete 68er-Biografie. Es geht um die Frage, ob Kirchen und Christentum in der Bundesrepublik in eine dritte Phase eintreten, ob sie nach der Umklammerung durch das Establishment auch die Identifikation mit einer steril gewordenen Alternativkultur und Gutmenschlichkeit abschütteln können, ob sie frei werden, ohne Anlehnungsbedürfnisse einfach kirchlich und christlich zu sein.

Die Bioethik-Diskussion, die in keine politische Schublade passte, war das Musterbeispiel. Man merkt es aber auch in der Sozialdebatte. Angela Merkels parteiinterne Großkritiker Norbert Blüm und Heiner Geißler machen viel her von der Unchristlichkeit ihrer marktliberalen Reformvorschläge. Doch in Bischöfen wie Lehmann und Huber findet eine traditionelle Wohlfahrtsstaatlichkeit keine Stütze mehr. Lehmann war schon nicht ganz zufrieden mit dem ökumenischen "Sozialwort" von 1997, dem bis heute offiziell maßgeblichen einschlägigen Dokument beider Konfessionen; er fand es zu betreuungs- und umverteilungslastig, zu detailliert in der politischen Rezeptur, ohne rechten Nachdruck auf der Selbstverantwortung des Einzelnen.