Das Ende ist bitter, schmachvoll, elend. Franz Marinelli hat auch im Land seiner Sehnsucht versagt, so wie die Welt an ihm. Mittellos, alkoholgetränkt und tot wird er am Strand von Havanna gefunden. Wieder hat sich eine jener Unfallgeschichten des Lebens vollendet, die Arnold Stadler in seinem Werk aneinander reiht. Sein neuer Roman Eines Tages, vielleicht auch nachts setzt das unselige Ende gleich an den Anfang und nimmt damit doch nichts vorweg. Dergleichen ist in seinen Helden ohnehin angelegt. Nur eines bringt sie dazu, entgegen dem schlimmeren Wissen ihres Autors trotzdem ihr Glück zu versuchen: Eros, der Liebes- und Lebenstrieb, der tüchtig in ihnen rumort.

Was sie antreibt, ist existenzielle Sehnsucht schlechthin: nach der Welt, den Frauen, der Geborgenheit. Und was sie lenkt, ist das männliche Zentralorgan, mit dem es hier eine ganz eigene Bewandtnis hat. Figuriert es doch stolz und kläglich zugleich, als Standarte weltumfangenden Liebeseifers ebenso wie als Marterpfahl ewiger Einsamkeit. "Doppelleben von Hirn und Hose" heißt das bei Stadler oder "heimatlose Erektion". Letztere Formulierung umreißt nichts weniger als das entscheidende Daseinsproblem seiner Helden. Sie strecken und recken sich nach dem Glück und bleiben doch obdachlos, sexuell wie transzendental.

Geradeso ergeht es Franz Marinelli. Obwohl er sich so weit herausgewagt hat aus der schrecklichen Wiener Heimat, wo der Familienterror herrscht, hinaus in die Welt, bis nach Kuba, wo die Palmen wachsen und das Meer rauscht, genauso wie er es sich als Kind erträumt hat. Und die Mädchen sind auch nicht prüde, wenn in den Hosen neben den heimatlosen Erektionen genügend Dollar stecken.

Mit Franz Marinelli kommt ein weiterer Fall jenes Daseinsgebrechens an die Öffentlichkeit, das man inzwischen ohne weiteres als Morbus Stadler bezeichnen könnte. Die hauptsächlichen Symptome sind: In der Heimat ist es von vornherein schrecklich, in der sehnsuchtsverklärten Fremde erst dann, wenn man hinfährt.

Was Franz Marinelli betrifft, so las seine Mutter Thomas Bernhard und quälte ihre Umwelt mit der dabei erworbenen Weltsicht. Sein Vater dagegen fuhr im Wohnwagen durchs Land, um darin einem regen außerehelichen Geschlechtsleben zu frönen. Sohn Franz rang um Selbstverwirklichung, doch der Plan, Menschen in glücklichen Momenten für einen Bildband zu fotografieren, musste bei seinem Pech mit dem Glück natürlich scheitern.

Thomas Bernhard dekretierte einmal, alles sei lächerlich, wenn man an den Tod denkt. Bei Stadler reicht schon der Gedanke ans Leben. In dessen Lächerlichkeit werden seine Figuren vom Tod ertappt, eines Tages oder vielleicht auch nachts. Franzens lüsterner Vater scheidet in einer Pornovideo-Kabine von hinnen. Der Sohn legt sich am verdreckten Traumstrand nieder, um nicht mehr aufzustehen.

Bei alledem mischt der Erzähler erstaunlich fidel Schmerz und Scherz, Tragik und Komik, Trauma und Traum, Seelenmensch und Hanswurst, hohe Töne und plattes Geplauder. Oft ging und geht das gut, wenn daraus die schön zerrissenen, kunstvoll mit Dissonanzen spielenden Stadler-Töne werden. Doch die Balance ist hoch empfindlich. Umso mehr, als Stadler ein bemessenes Repertoire an Stoffen, Themen und Motiven variiert und wiederholt. Da verläppert manchmal unübersehbar die Tragikomödie zur Klamotte, Figuren magern zur Karikatur ab, der Schmerzensmann verflacht mit seinem Unglück zur Kabarettnummer. Manchmal, wohlgemerkt!