Vom zweiten Buch heißt es, es sei der Prüfstein des aufstrebenden Jungautors. Die debütantische Unschuld sei verloren. Nun gelte es, geweckte Hoffnungen zu erfüllen.

So gesehen war von Anke Velmeke einiges zu erwarten. Denn mit ihrem vor drei Jahren erschienenen Debüt Luftfische hatte sie sich sogleich fernab aller Spielarten anämischer Fräuleinprosa positioniert – es war die Zeit, die Pelzkrägelchen und lenorweichgespülte Bademäntel zu den Autorenaccessoires schlechthin erkor –, und sie hatte etwas gewagt. Es machte Mühe, dieses Buch zu lesen, sich auf seine kantige Sprache einzulassen und auf eine Geschichte, die die Kleinfamilie als Hort von Gewalt und Angst bloßstellte.

Nun also das zweite Buch. Ein schmaler Roman, der von einer jungen Frau erzählt, die nach dem Tod ihrer Mutter nach Spanien fährt, dorthin, wo jene selbst einige Zeit verbracht hat, als sie jung war. Doch ist dies keine Abschiedsreise. Ihre Mutter sei gar nicht tot, behauptet die Ich-Erzählerin gleich zu Beginn, und diese schlichte Feststellung birgt bereits den Kern dessen, was sich im Folgenden kunstvoll entfaltet. Dass es traurig ist, ahnt man schon. "Tochter sein, lebenslang", heißt es wenig später, und das klingt nicht von ungefähr wie "lebenslänglich". Denn in allem ist die Tote präsent, ist Vorbild und Gegenentwurf, schiebt sich als geisterhaftes Hindernis zwischen Tochter und Leben. Ein Phantom, das plötzlich dasteht, schwarzhaarig, mit Bonbonmund, rauchend, lachend, launisch, verführerisch. Ein schönes Chamäleon auf Männerjagd. In seinem Schatten die Tochter, die mal Ausgeschlossene, mal Verbündete, mal Konkurrentin ist, das Leben als stetig wechselnde Dreierkonstellation erfährt und Unbeständigkeit als dessen einzige Konstante.

So wird eine Flüchtende aus ihr, "mit dem Gefühl, nie wieder stehen bleiben zu können, gehen zu müssen, voranzufliehen, vor den eigenen Bildern". Fuga, so lautet denn auch der Titel des Buches. Fuga, lateinisch die Flucht. Aber auch: selbst gewählte Verbannung, freiwilliges Exil. Beides trifft auf die Ich-Erzählerin zu. In lediglich neu anmutenden Variationen konstruiert sie als Selffulfilling Prophecy das alte Dreier-Muster, in dem einer zu viel ist.

Was aber den Roman eigentlich vorantreibt, ist weniger seine Handlung als vielmehr die Sprache. Eine artistische, stark assoziative Sprache, die Anke Velmeke diesmal sehr viel sparsamer und souveräner einsetzt als noch in ihrem ersten Buch. An poetischer Kraft hat sie jedoch nichts eingebüßt. Im Gegenteil bewahrt das Weniger an Manier das Buch davor, ins Hermetische zu entschwinden. Stattdessen überrascht die Autorin mit unerwartet expressiver Sinnlichkeit, kann eine zuckerbestäubte Brioche so beschreiben, dass man sich lesend beim Schlucken ertappt, und besitzt überhaupt eine bei den Prosa-Autoren der jüngeren Generation seltene Sprachlust. Man möchte ihr gratulieren zu diesem Zweitling. Und hofft auf mehr.