Ein Kind am Tisch bei seinen ersten Schreibversuchen. Eine der unschuldigsten Szenen, die sich denken lassen. Und doch, für Miodrag Pavlovic, schon so etwas wie der Beginn eines Sündenfalls, erstes Anzeichen einer Apokalypse: Denn die Tinte beschmiert Hände, Papier, den Tisch. "Ich schämte mich dieser Tintenflecken, sie verdarben mir außerdem das echte Vergnügen, das vom Schreiben herrührte, vom Ausdenken und Belauschen der Wörter, bevor ich sie auf Papier setzte." Nach wenigen Zeilen ist der Erzähler von der Kinderszene zu Johannes von Patmos übergegangen, dem Verfasser der neutestamentarischen Apokalypse: Der habe ja auch dem Schreiben gefrönt wie einem Laster, der habe, trotz Einspruchs eines Engels, vom Schreiben nicht lassen können, auch vom Nachschreiben früherer apokalyptischer Bücher nicht. Das beschmierte Kind und der legendendiffuse Johannes sind eines Geistes: "Im Recht sind diejenigen, die behauptet haben, daß nur das Schreiben selbst ein apokalyptischer Akt sei." Und eine Sünde dazu: "Meine Sünde heißt Schreiben unter begleitendem Imaginieren, oder, wenn Sie so wollen, Imaginieren unter begleitendem Schreiben."

Schreiben unter begleitendem Imaginieren – besser als der Autor könnte man sein Verfahren im neuen Prosaband nicht charakterisieren. Das Buch des serbokroatischen Dichters Miodrag Pavlovic ist nicht der "Roman", den der Verlag verheißt, sondern zugleich eine rhapsodische Autobiografie, eine ausschweifende Beschwörung des Alten Europa und vor allem eine Belgrader Apokalypse. Den wiederkehrenden Schrecken, die über diese Stadt gekommen sind, hatte der Autor schon in den Usurpatoren des Himmels Tribut gezollt, der Liebe zu seinem Land zuletzt in dem Gedichtband Einzug in Cremona Ausdruck gegeben (beides von Peter Hamm in der ZEIT Nr. 51/02 vorgestellt). Verse wie "Ich bleibe, wo ich bin / in der Erde meiner Sprache" sagten etwas aus über den widerständigen und mitleidenden Geist dieses Lyrikers, der an seiner Stadt, an seinem Land hängt, oder, mit seinen Worten, "an der zottigen Schulter des Volks" lehnt. Und der immer wieder zerstörten Stadt Belgrad, diesem erst von den Nazis, dann von den Alliierten und zuletzt von der Nato bombardierten Ort, der im 20. Jahrhundert auch vor den Usurpatoren nie zur Ruhe gekommen ist und zuletzt durch Milosevic der internationen Verachtung preisgegeben war, widmet diesmal der Autor sein imaginierendes Schreiben. Als eine apokalyptische Liebeserklärung.

Belgrader Apokalypse, in allem Ernst, in aller Ironie. Der Lyriker wird zum Geisterseher und zum pragmatischen Organisator. Er arrangiert, zur Jahrtausendwende, ein großes Fest, eine letzte Zusammenkunft, er will die Katastrophen abfeiern. Wie ein Impresario bedient er das Telefon: "Ob ich mich noch mit etwas anderem beschäftige als mit dem Gedanken an den Weltuntergang? Das sei nicht meine eigentliche Sorge, antworte ich dreist. Mich interessiert, wie man Feiern organisiert."

Denn das ist der große Plan: eine Einladung an alle Versprengten, Verschollenen, an Freunde wie auch einzelne Feinde, an Verwandte und Verstorbene, an Unbekannte und Prominente, sich in Belgrad einzufinden zu einer Orgie der Erinnerung, zum höheren Ruhm aller Outsider, zu einer Feier, die zugleich "unsere Apokalypse" sein soll. Diese imaginäre Versammlung, "die zweite Wiederkehr", wie der Dichter sie nennt, wird nie stattfinden, außer als Wunsch und Vision und eben als Geschichte ihrer Planung. Aber genau darin erfüllt sich ihr Sinn: im Aufruf vieler Schicksale eines halben Jahrhunderts, in der Revue einer unübersehbaren Leidensgenossenschaft. Dieses Memorial ist der konkreteste Teil des Werks und zugleich sein hermetischster, weil sich hier, in der Verknüpfung von Apokalyptik und Anekdote, viele Namen finden, die dem deutschen Leser fremd sind.

Dabei ist Pavloviƒ alles andere als ein Heimatdichter oder Folklorist, sondern ein weit gereister Kosmopolit, zu Hause in den internationalen Lyrik-Debatten, oft unterwegs zu eigenen Lesungen oder Vorlesungen, auch in Amerika. Es ist gewissermaßen seine Weltläufigkeit, die ihm die Entlegenheit seiner Herkunft dauernd bewusst hält: "Das Areal, auf dem wir auf dem Balkan leben, unterscheidet sich so sehr von den (…) Luxuszentren der Welt, daß es scheint, als seien wir an der entgegengesetzten Seite der Erdkugel angesiedelt."

Der zweite Teil des Buches, dem es auch seinen Titel Die Bucht der Aphrodite verdankt, zeugt von der anderen Heimat des Autors, den Mythen und Magiern des Alten Europa. Da genügt schon ein Anflug auf Zürich mit den von der Sonne beschienenen Alpengipfeln, um das Bild Nietzsches in Sils-Maria heraufzubeschwören; und kurz darauf ist der Philosoph im Bund mit Empedokles, sitzt auf einer Klippe am Vesuv, "um mit seiner erhabenen Rhetorik eine Nymphe herbeizurufen. Auf Griechisch, versteht sich." Oder Pavlovic erkennt auf der kleinen Insel St. Michel am Steigen und Fallen des Wassers das Wesen von Vergänglichkeit, nämlich: "Die Zeit atmet." Er überfliegt nicht allein die Orte, sondern auch die Epochen.

So erinnert dieses Buch, trotz seines apokalyptischen Vorsatzes, an einen fliegenden Teppich, zusammengewebt aus Menschen und Märchen, aus Realien und (Alb-)Träumen, aus Schreckensbildern und dem Zauber der Kunstwerke. Die Metapher des Teppichs – der Autor benutzt das seltene Gleichnis für alles seit Jahrtausenden durcheinander Gewirkte, übereinander Geschriebene. Jeder, der schreibt, versuche in dieses Gespinst einzugehen, an ihm weiterzuarbeiten wie an einem der belgischen Wandteppiche aus dem 15. und 16. Jahrhundert. "Menschen, die ihren Platz gefunden haben auf dem Panneau gemeinsamer Schicksale, wissen, was sie nicht selbst mitbringen, wird ein anderer mitbringen aus derselben apokalyptischen Konstellation." Aber das Wunder dieses Buches ist, dass das poetisch-polemische Gewebe, an dem Pavloviƒ arbeitet, eben kein Flickenteppich wird, sondern ein fliegender, dass die Realität abhebt in die Wahrheit der Imagination. Apokalypsen werden ja für den Himmel gemacht.