Ein paar Stellen in diesem Buch klingen wie ganz aktuelle Beschreibungen und Handlungsanweisungen: "Wenn ein Buch gut ist, will ich das deutlich hören", sagt die Frau des Zeitschriftenverlegers mit erhobener Stimme. "Schreien Sie es heraus: ,Ich liebe dieses Buch. Es ist ein tolles Buch.‘" Lesen! heißt das heute, aber Elke Heidenreich muss man nicht erst zum Schreien animieren, sie macht das ganz von selber. Liebe! Wunderbar! Toll! Lesen! Es ist wie beim billigen Jakob; man wundert sich, dass er die Leute immer noch mit denselben alten Sprüchen anzuspitzen versucht, geht nach ein paar Minuten wieder weiter oder kauft vielleicht doch irgendeinen Wunderbalsam oder zehn Schlüsselringe, wenn man nur zwei braucht.

Und was denken die Buchverleger von so viel Engagement? "Ich bringe Effies Stärken auf diesen Punkt: Er las gern mal ein gutes Buch, und wenn ihm eins besonders gefiel, vermittelte er sein Vergnügen gern den Leuten. Und wenn er das tat, dann nannte er auch gleich den Titel, den Namen des Autors, den Verlag und den Preis, und diese Angaben waren immer korrekt. In meinen Augen war Effie der ideale Buchverkäufer."

Elke Heidenreich (ich lasse sie gleich wieder in Ruhe) liest nicht nur mal ein gutes Buch, sondern sie liest immer ein gutes Buch, sie liest nur gute Bücher, ein paar hundert Seiten am Tag, wie sie sagt, und dann sitzt sie da und preist sie an wie Schlüsselringe und Hosenträger. Dabei kann sie an einem guten Tag eine sehr unterhaltsame Diskutantin sein. Aber jetzt Schluss damit.

Charles Simmons hat 1987 seine Satire auf den Literaturbetrieb (oder genauer: auf die Zeitschriftenmacher) veröffentlicht – The Belles Lettres Papers, und da er sehr lange Redakteur beim New York Times Book Review war, ist sein Roman für diejenigen, die den Schlüssel haben, wahrscheinlich auch ein Schlüsselroman, aber das kümmert uns heute nicht mehr, weil Simmons’ Schlüssel in sehr viele Schlösser passt: "Sie werden schon merken, dass sie nicht schreiben kann, und dann machen sie sie eben zur Redakteurin. Auf diese Weise bin ich übrigens selbst Redakteur geworden." Natürlich gibt es keinen Redakteur, der sich, wie in Simmons’ Buch, im Lauf seiner Karriere ausschließlich darauf spezialisiert, Überschriften zu konzipieren, manchmal 20 Manuskriptseiten für eine Überschrift braucht und am Ende dann mit so originellen Sachen rüberkommt wie So war New York.

Aber wir kriegen wohl alle die wenigsten unserer Überschriften durch – ein Freund von mir, Zulieferer einer mittleren Feuilletonredaktion, sagt immer: "Wenigstens bei den Überschriften müssen wir ihnen freie Hand lassen. Das ist besser, als wenn sie den Text falsch verstehen und ihn versauen."

Simmons ist besonders gut, wenn er seine fiktiven Figuren (oder Schlüsselromanfiguren) über Leute aus dem richtigen Leben herziehen lässt, die hier fast alle Schriftsteller sind. Als es auf einer Redaktionskonferenz darum geht, wer Norman Mailers dicken ägyptischen Roman Ancient Evenings besprechen soll, wird Mailer erst mal mit zwei längeren Zitaten in die Pfanne gehauen. Dann werden ein paar mögliche Rezensenten durchgegangen, unter anderem Joyce Carol Oates, die nicht nur offensichtlich genauso schnell liest wie Elke Heidenreich, sondern auch genauso schnell schreibt wie andere Leute lesen, aber: "Joyce Carol Oates’ Schamschwelle gegenüber Scheiße ist nicht ausgeprägt genug, um Norman Mailers neuen Roman zu rezensieren." (Hier wackelt die Übersetzung ein bisschen, wie öfter mal, aber das macht nicht viel aus; hier geht es schließlich um ein wackliges Gewerbe). Sie einigen sich schließlich auf Anthony Burgess, über den zuvor einmal gesagt wird: "Er kennt sich mit echten Meisterwerken aus. Aber nicht mit angemaßten." So geht das eben: "Dann also Burgess … für eine große Kritik!"

Ein kurzer Blick durchs Schlüsselloch: Burgess hat Ancient Evenings wirklich besprochen, unter dem – na ja, Schlüsselromantitel Anal Magic. Burgess, immer der aufmerksame Linguist, hat nur wenig zu kritisieren, unter anderem dieses: "The anus is here sometimes called the ass or the asshole. This is a pity. The word should be arse, which has an ancient ancestry, whereas ass is an Americanism of puritanic provenance. " Burgess beschließt seine gar nicht so lange Rezension mit der Bemerkung, Mailer habe ihm bei ihrem einzigen Treffen gesagt: "Burgess, Ihr letztes Buch war Scheiße", aber er, Burgess, könne jetzt sehen, dass das als Kompliment gedacht war.