Die Verachtung des Luxus gehört in der wohlhabenden Welt zum guten Ton. Die meisten Philosophen stimmen in den Chor christlicher Luxusverächter ein, auch wenn manche von ihnen, wie Seneca, sich gleichzeitig ungeheurer Reichtümer erfreut haben. Aber lässt sich Luxus nicht vielleicht doch philosophisch rechtfertigen?

Max Weber und mit ihm die moderne Soziologie begreift Luxus als "Ablehnung zweckrationaler Orientierung des Verbrauchs", der für "feudale Herrenschichten nichts ›Überflüssiges‹, sondern eines der Mittel ihrer sozialen Selbstbehauptung" sei. Die Philosophen hingegen stehen seit langem unter dem Bann jenes Evangelienwortes, wonach eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. Da hilft es auch wenig, dass Jesus im Gleichnis von den anvertrauten Talenten scheinbar dem Wucher das Wort redet und so etwas wie eine Apologie des Luxus im Satz gipfeln lässt: "Denn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird in Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden."

Dieser Luxus sei spirituell zu verstehen und sei im Übrigen gar keiner, da das vermehrte Geld ja nicht verschleudert werde, belehren uns die Exegeten seit 2000 Jahren. Was freilich einen Theologen wie Friedrich Schleiermacher in seiner Christlichen Sitte (1843 erschienen) nicht an der Bemerkung hinderte: "Treibt ein reicher Mann gar keinen Luxus, so tadeln wir das nicht weniger, als wenn er sich durch Luxus zugrunde richtet; aber was zwischen diesen beiden Extremen liegt, hat kein anderer zu richten, denn es ist durchaus der Spielraum der persönlichen Eigentümlichkeit." Mein Luxus geht also niemanden etwas an – eine Botschaft, die Schleiermachers Zuhörer aus dem Berliner Großbürgertum nicht ungern vernommen haben dürften.

Jene raren Philosophen, die nicht Wasser predigen und Wein genießen wollten, besannen sich vornehmlich auf den gesamtgesellschaftlichen Nutzen, den der Luxus einzelner Individuen nach sich ziehen müsse.

Luxus schafft Arbeitsplätze, würden sie im politischen Jargon der Jetztzeit vielleicht sagen. Der eifrigste philosophische Anwalt des Luxus, Bernard de Mandeville, fragte in seiner Bienenfabel (1724) mit Recht, ob nicht alles, was über die unmittelbare Befriedigung elementarer Bedürfnisse hinausgeht, schon Luxus sei und damit schlimmstenfalls moralisch neutral, gewiss jedoch nicht negativ. Überdies kämen private Laster der allgemeinen Wohlfahrt zugute.

Man kann dem Gedanken auch eine ästhetische Wendung geben: Wie armselig wäre es um die Menschenwelt bestellt ohne die kleinen, aber auch die großen Güter des Luxus – keine Unterhaltung, keine Malerei, keine Musik, keine Literatur, keine Architektur, die über das Notdürftigste hinausreichte.