Es ist nicht leicht. Da gibt man jede Woche seinen Lottoschein ab in der Hoffnung auf das große Geld, auf das Ende aller Sorgen – und dann, immer und immer: nichts. Oder, teuflischer noch: ab und zu eine lächerlich kleine Summe. Wie geht man mit diesem Elend um? Wie motiviert man sich da noch zum Weiterspielen?

Verfolgen Sie keinesfalls die Ziehungen im Fernsehen: Nicht gewinnen ist live am schmerzhaftesten (und nicht auszumalen der Fall, Sie würden, gebrochen auf dem Sofa kauernd, zeitgleich aus der Wohnung Ihrer unsympathischen Nachbarn Jubelschreie hören). Gehen Sie ein paar Tage später beiläufig in der Lottoannahmestelle vorbei, kaufen Sie ein paar Zigaretten oder Zeitungen, und wenn man dann Ihren Spielschein in den Computer geschoben hat, lächeln Sie souverän, denn es ist doch nur ein Spiel (können Sie nicht mehr lächeln, weil Sie sich schon das Rauchen und das Lesen abgewöhnt haben, um Ihre Lottospielerei zu finanzieren, zucken Sie eben nur mit den Schultern). Widerstehen Sie der Versuchung, den Nietenschein brüllend in Stücke zu reißen oder die Lottoscheinannehmerin zu fragen, warum kegelnde und saufende Tippgemeinschaften aus Nordrhein-Westfalen immer mehr Glück haben als Sie und ob es einen Gott gibt.

Geben Sie stattdessen Ihren neuen Schein mit ungerührter Miene ab (imitieren Sie den Gesichtsausdruck des neuen Gouverneurs von Kalifornien in seinen frühen Filmen), und denken Sie nach vorne: Planen Sie schon jetzt für die Zeit nach Ihrem großen Gewinn. Sehen Sie sich in Nobelautohäusern nach Ihrem Traumwagen um (erzählen Sie, dass Sie demnächst über eine größere Summe Geldes verfügen werden), und absolvieren Sie ausführliche Probefahrten. Suchen Sie nach der dreistöckigen Penthouse-Wohnung in der Stadtmitte oder der 12-Zimmer-Villa am Seeufer, die Sie schon immer wollten, vereinbaren Sie Besichtigungstermine (zu denen Sie mit Probefahrzeugen erscheinen), und erörtern Sie mit den Maklern Eventualitäten wie den Bau eines 50-Meter-Pools. Spielen Sie bei einem exklusiven Golfclub einen Tag lang zur Probe, und erkundigen Sie sich bei einer Personalagentur nach den Preisen für eine anständige Haushälterin und einen guten Butler.

Besuchen Sie dann einen der Events, auf denen sich die High Society trifft. Rangeln Sie mit um die Currywürste am Buffet, und hören Sie zu, worüber man spricht ("B., das Schwein, ist schon wieder auf Seite 1 der Bild – und ich?"). Sind Sie eine Frau, verbeugen Sie sich mit anderen Tiefstdekolletierten den ganzen Abend in Richtung der Fotografen, bis endlich einer abdrückt. Sind Sie ein Mann, trinken Sie um die Wette mit anderen gegen die Langeweile an, sofern es kein Koks gibt – vielleicht haben Sie später noch Gelegenheit, in eine Schlägerei zu geraten (Tipp: Berühren Sie einen der Ferraris auf dem VIP-VIP-Parkplatz). Lassen Sie am nächsten Tag, falls nötig, Ihre gebrochene Nase schienen, lesen Sie, was über Sie in der Zeitung steht, und denken Sie darüber nach, ob Sie so etwas künftig jeden zweiten Abend erleben wollen. Addieren Sie dazu die Wartungs- und laufenden Kosten für Ihren Traumwagen, den Poolpreis und das Gehalt zumindest einer anständigen Haushälterin.

Vielleicht möchten Sie jetzt gar nicht mehr, dass sich in Ihrem Leben etwas ändert.

Also, spielen Sie beruhigt weiter Lotto. Und falls Sie doch noch gewinnen, dann haben Sie eben Pech gehabt.