Der Page vor dem Eingang zum Adlon gähnt. Ertappt lächelt er mir zu. Du wirst den ganzen Tag Leute sehen, die sich viel leisten können, du darfst keinen Neid empfinden dabei – das sagt der Chef-Concierge allen Jungs, die im Adlon ihre Laufbahn beginnen. Kaffeezeit in der Hotelhalle. Draußen regnet es, drinnen schnurrt das Wohlleben. Silberkännchen sind die Stimmgabeln für das Loblied auf gestern: "Genießen Sie das Ambiente einer vergangenen Zeit!" ist das Adlon-Motto. Unruhige Geschäftsleute, Ehepaare aus der Provinz sowie Damen, die sich kleine Geschenke mitgebracht haben, sitzen unter der blauen Glaskuppel und essen Torte. Auf einem Sofa mit bester Aussicht haben zwei Fitness-Schönheiten in gebügelten Jeans Platz genommen. Flache Bäuche, kleine Brüste, sehnige Unterarme. Knabenhaft kurz geschoren die eine, die andere trägt das kunstvoll gesträhnte, halb lange Blondhaar der besser Verdienenden. Die Damen sehen aus wie zwanzigjährige Mädchen, die für einen Film geschminkt wurden, in dem sie fünfzig sein müssen. Sie wähle ich aus, sie werden meine Bekanntschaft; Michelle ma belle, spielt der Pianist oben auf der Empore.

Frau Schmitt und Frau Voss aus Darmstadt freuen sich, dass ich sie nicht für das gehalten habe, was sie sind. Betreiberinnen eines Nagelstudios hätte ich gedacht, Boutique-Besitzerinnen vielleicht oder angeheiratete Gräfinnen. Chemielehrerinnen sind sie. Nein, wir sind nicht konservativ und ungeschminkt, wir laufen nicht in Birkenstock-Schuhen und selbst gestrickten Socken durch die Gegend, wir sind Genießerinnen, sagt Frau Schmitt, die ein asketisches Gesicht hat und Feuer in den Augen. Flug 193 Frankfurt–Tegel, fährt sie aufgekratzt fort, ausgeflogen für drei schöne Tage, ein Trip in die Bundeshauptstadt, mal ohne Männer, die sind zu Hause und ziehen die Winterreifen auf. Wir wohnen im Savoy, aber im Adlon Tee trinken, das musste sein. Frau Schmitt hat den Part der Sprecherin übernommen, Frau Voss schickt sich drein, man kennt sich seit siebenundzwanzig Jahren, von der Uni her. Mir passen noch die Jeans von damals, triumphiert die Wortführerin. Ihre Stärke ist ansonsten das Allgemeine. Sie zitiert gern aus Sachbüchern für Frauen und überbringt deren Erkenntnisse wie taufrisch: Frauen kommen von der Venus, Männer kommen vom Mars. Oder: Mit fünfzig beginnt der weise Leichtsinn. Ihre stille Freundin hat eine andere Leidenschaft. Ikebana, die japanische Kunst, Schnittblumen zum Leben zu erwecken: Ich bin Ikebana-Lehrerin für Privatpersonen.

Ein Kerl in groß kariertem Sakko wäscht sich die Hände im antiken Brunnen der Hotelhalle; da staunen die schwarzen Elefanten, und die Frösche wundern sich. An der Bar baggert ein angeheiterter Einheimischer die Großmutter einer Familie aus Hamburg an: ’ne schöne Oma habt ihr! Die Kinder genervter jugoslawischer Eltern lassen ihr Kartoffelpüree samt zehn Gramm Kavier für 32 Euro stehen, sie toben um den Tortenwagen, und das zur feinsten Teatime, wo gerade der gütige Peter Ustinov im Rollstuhl durch die Halle geschoben wird.

Was ist heute, in diesem Moment, wichtig für Sie? Schade, dass wir den Trip nicht verlängern können, sagt Frau Schmitt, vorige Woche waren wir noch in Madras, das Reisen erweitert ja unerhört den Horizont. Die immer nur schimpfen über Deutschland, die sollten mal woandershin fahren, dann wüssten sie, wie gut hier alles funktioniert. Viele können einfach nicht mehr genießen, sagt Frau Schmitt, wir können das, gell Paloma?