Achttausendvierhunderteinundfünfzig Artikel findet die Suchmaschine bei eBay unter dem Stichwort Luxus. Darunter auch ein Buch. Es ist ein Roman, der diesen Titel trägt, der zweite Band der "Skrupel-Trilogie" einer amerikanischen Autorin. Seit sieben Tagen feilgeboten, mochte sich bislang noch niemand für das Werk erwärmen. Unangeklickt harrt es zum Startpreis von einem Euro auf Interessenten. "Billy Ikehorn ist eine schöne junge Frau", heißt es in der Inhaltsangabe des Buches, "sie ist die Chefin von ›Skrupel‹, dem luxuriösesten Einkaufsparadies der Welt. Doch dann muss Billy erfahren, dass sie auf dünnem Eis tanzt; ihre Ehe scheitert, ihr Lebenswerk ist gefährdet…" Ohne den Roman zu kennen, kann man den Verlauf der Geschichte nun frei herunterbeten: Die schöne junge reiche Frau wird wohl einen schmerzvollen Reifungsprozess durchleben müssen, der in der Erkenntnis zu münden hat, dass mit Luxus allein ihr das Glück nicht dauerhaft gewogen bleibt. Luxus!, schon der Romantitel lässt auf eine skrupellose Heldin schließen, die moralischer Unterweisung bedarf. Die Beschreibung ihres Einkaufsparadieses als einer "Mischung aus Dorfladen, orientalischem Basar und Haute-Couture-Maison" klingt indes so reizvoll wie ver-

wegen.

Und darin gar nicht so unähnlich dem Internet-Auktionshaus eBay, deren Nutzer dem Begriff "Luxus" eine außergewöhnliche Spannbreite in der Produktpalette zugestehen.

Jeder Anbieter darf schließlich frei entscheiden, mit welchen Attributen er die eigene Ware preist. Luxus ist kein geschützter Begriff; Luxus ist relativ, eine subjektive Werteinschätzung. Im Augenblick kann das zum Beispiel ein Ofen sein. Für das "Luxus Klima Heizgerät mit Kohle Luftfilter" hat sich auch schon ein Interessent mit dem Codenamen born-to-win gefunden, der zum Startpreis in Höhe von einem Euro mithält. Doch neun Tage lang kann noch geboten werden, dann erst steht der Gewinner fest – und mit sinkender Außentemperatur wird die Bietlust für Wärmegeräte wohl steigen. Keine Saison scheint gerade für Kleintierfressschälchen zu sein, der "Luxus-Nager-Napf mit ›kleinen Häschen‹ aus Keramik" zum Startpreis von zwei Euro hat sich als Ladenhüter erwiesen. Trotz rührendem Appell an den Tierfreund ("Hund und Katze flüstern leise, Mensch, was sind das für Preise") ist die Angebotszeit ergebnislos verstrichen.

Die Verkäufer supermann3213, vakuum, choco-cat und blessi dürfen dagegen hoffen. Vielleicht finden sich in den kommenden Tagen noch Liebhaber für die "Luxus-Zopfhaarsträhnen Crazy Color 6 Stück!!!", den "Rowenta Eierkoch-Automat Luxus+OVP", die "Luxus Strickmütze Paris" und das "!!Luxus Wasserbett komplett ab 1 Euro!!". Der Anbieter des "Jugendstil Champagner-Kühlers Tip Gallé" für einen Schweizer Franken setzt mit seiner Internet-Seite listig auf die Suggestivkraft klassischer Musik. Klickt man auf das Feld mit den Produktinformationen ("Umlaufend geätzte Seelandschaft mit Schwänen und Seerosen im Hochrelief"), säuselt eine Chopin-Etüde aus den Computerboxen. Erst kürzlich hat eine Studie bewiesen, dass Restaurantbesuchern bei Beschallung mit klassischer Musik der beherzte Griff in den Geldbeutel erleichtert wird. Klassik scheint das Man-gönnt-sich-ja-sonst-nichts-Gefühl zu stimulieren. Schon drei Bieter träumen bereits vom "wahren Blickfang auf ihrer festlich gedeckten Tafel".

Stellen wir uns aber noch einmal die Romanheldin Billy Ikehorn vor. Stellen wir uns vor, sie begäbe sich bei eBay auf die Suche nach richtigem Luxus für ihr Penthouse in Santa Monica oder den Abendempfang im Nobelclub, und verlassen mit ihr das Niedrigpreissegment. Die Ansprache dieses Händlers dürfte sogleich ihr neugieriges Entzücken wecken: "Manchmal will man es einfach nur genau wissen. Mal so richtig in die Vollen gehen, ohne Skrupel bezüglich des moralischen Mehrwerts für die Menschen, ohne Rücksicht auf klassische Kosten-Nutzen-Rechnungen." Und was bietet dieser markige Hedonist? "Luxus Netz-, NF- und Lautsprecherkabel von Kimber, um 26450 Euro". Ein Kabel? – nicht gerade das Fetischobjekt für eine Luxusfrau. Ebenso wenig wie ein Wohnmobil. Mit seinem Preis von 55000 Euro ist das "Winnebago Luxus Wohnmobil 9,5 m" allerdings das mit Abstand teuerste Produkt der eBay-Luxusklasse. "Trennungsopfer sucht neues Zuhause" – so versucht der Verkäufer, Mitleid mit seinem "bildschönen Suncruiser" zu schinden. Jetzt bloß nicht mit der Maustaste ausrutschen. Auch das zweitteuerste Angebot bei eBay ist ein unsinnliches. Für den "Luxus US Motorhome mit Rollstuhlhebebühne" mochte bislang niemand 39990 Euro bieten. Trotz eingebauter Mikrowelle und Gefrierkombi.

In der Kategorie "Kleidung & Accessoires" erst warten wirkliche, also verruchte, moralisch fragwürdige Luxusgüter wie Spinnen im Netz auf Verführungsopfer. Der teuerste Artikel hier, wie sollte es anders sein, ist ein "exclusiver Zobelmantel, Luxus pur, lang und großzügig geschnitten, federleicht" zum Schnäppchenpreis von 9990 Euro. Darin posiert allerdings ein obskures Wesen, das die Kauflust des Betrachters empfindlich mindert. Wie eine Vogelscheuche steckt es mit ausgebreiteten Armen in einem zeltgroßen Pelzgebilde, aus dem in der Rückenansicht ein zerbeulter Strubbelkopf ragt. In der Frontansicht möchte das Modell sich nicht zu erkennen geben und reckt das Kinn krampfhaft über die Linse des Fotografen. Ein Lehrstück darin, wie ein Luxusstück durch bizarre Präsentation zu Trash werden kann; eine Kunst, die Verhältnisse umzukehren.

Wie schmeichelhaft kommt dagegen der schlichte Webpelz, drapiert auf königsblauem Samt, zur Geltung, wie begehrenswert die falschen Perlen, die durch hellblaue Seidenbahnen rinnen, wie vorteilhaft der Strassring an einem zarten, manikürten Finger. Luxus ist schließlich eine Frage der Suggestion und der Fantasie. Luxus ist auch Vorfreude, zum Beispiel, auf ein Dior-Armband, eine Swarowski-Halskette oder einen Gucci-Ring. Im gepolsterten braunen Umschlag, ohne Schutzkästlein oder knisternder Seidenpapier-Umhüllung, stecken die ersteigerten Preziosen dann eines Morgens im klapprigen Hinterhausbriefkasten zwischen Lokalzeitung und Kaffeefahrt-Werbung. Hart schlägt die Fantasie auf dem Boden auf. Mit zittrigen Händen zwischen Frühstückskrümeln ausgepackt, sieht das teure Dior-Armband kitschig aus, die Kette zuhälterwürdig, der Ring scheint der Gesellschaft von Kaugummikugeln entglitten zu sein. Aber von der moralischen Belehrung der luxusgierigen Heldin am Ende der Geschichte wussten wir ja bereits.