Leonardo Ferragamo tritt durch die Flügeltür, geht ein paar Meter, bleibt stehen. Der Saal scheint zu dem kleinen Mann zu sprechen, die Gobelins, die Fresken an der Decke, der riesige Kronleuchter, die schweren Vorhänge, der lange Tisch aus Mahagoni. Ferragamo verbeugt sich – vor der Geschichte der Familie, die im vorigen Jahrhundert zu Reichtum kam, den es weiterhin zu mehren gilt. Die Aufgabe ist an ihn übergangen und an seine Geschwister, eine schwere Aufgabe. Das alles hier gehört ihm, wenigstens zum Teil, aber er steht da, als besäßen die Dinge ihn.

Er geht zum Tisch, setzt sich auf einen der Stühle mit viel zu hoher Lehne. Er hat seine schwarzen gelockten Haare streng zurückgekämmt, wie es der Vater tat und es alle drei Ferragamo-Brüder tun. Die Familie bezieht Kraft aus ihrer Geschichte, aus dem Palazzo Spini Feroni, den der Vater vor 65 Jahren kaufte, eine Palastfestung, gebaut im 13. Jahrhundert hier am Ufer des Arno in Florenz.

Der Vater Salvatore Ferragamo wurde in den zwanziger und dreißiger Jahren reich, er verkaufte Schuhe an Hollywoodstars. Heute ist der Palast Verwaltungssitz, und die nach dem Vater benannte Firma bietet auch teure Kleidung, Taschen und Brillen an – Dinge, die sich in Zeiten von Börsenbaisse und Terrorangst weniger Leute leisten können oder wollen. Die europäische Luxusindustrie, die zu Zeiten steigender Aktienkurse boomte, ist in der Krise; seit zwei Jahren gehen die Umsätze zurück. Während des Irak-Kriegs brachen sie noch einmal kräftig ein – aber die Hersteller reden nicht gern darüber. "Es gibt keine Krise", sagt Leonardo Ferragamo. "Es gibt nur strukturelle Probleme, die wir lösen werden."

Es wäre eine Katastrophe, wirkte der zweitjüngste Sohn der Ferragamo-Dynastie verzagt. Er spricht für die italienische Luxusindustrie, deren Produkte der Inbegriff des Schönen und Eleganten sind; er ist Vorsitzender ihres Dachverbands Alta Gamma. Die Guccis und Zegnas haben ihn gewählt, weil er ein Mann mit Haltung ist, einer, aus dessen Erscheinung man Mut schöpfen kann. Fast alle Firmen, die Teures herstellen, verkauften im Frühjahr weit weniger Kleider, Schuhe, Uhren, Schmuck oder Champagner als zuvor; auch die Luxusgüterkonzerne LVMH in Frankreich und Richemont in der Schweiz. Das Modehaus Escada in Deutschland ist tief in die roten Zahlen gerutscht und will jeden fünften Mitarbeiter entlassen. Dort heißt es auf Anfrage: "Ein Gespräch über dieses Thema ist nicht erwünscht."

Leonardo Ferragamo hält der Krise schöne Worte entgegen, elegante Worte. Er spricht von Werten. Von Stil. Von Glück. Er spricht von der besonderen Luft, die man bei Salvatore Ferragamo atmet.

Der Wirtschaftsboom der neunziger Jahre, in dem Luxuswaren für mehr Menschen als je zuvor etwas Normales wurden – vorbei. Keine Firma eröffnet mehr Dutzende neuer Läden im Jahr, wie Ferragamo das in Asien tat. Die Gruppe hat im ersten Halbjahr 2003 einen Umsatzeinbruch von 13 Prozent erlitten. Jetzt heißt es: Kosten sparen. Zwei Läden in New York wurden geschlossen, dafür ein größerer eröffnet; er wird "Flagship Store" genannt. Das Gleiche geschah in Tokyo. Trotzdem hat Ferragamo ein neues Parfüm herausgebracht und Kleider für Kinder. Bald wird man Uhren anbieten. "Einen Dialog mit den Konsumenten führen", nennt Leonardo Ferragamo das. Er ist 50 Jahre alt, sein Jackett ist maßgeschneidert. Er sitzt da, als ziehe ihn eine unsichtbare Kraft nach hinten. Er hat ein Bein übers andere geschlagen, einen Arm auf die Tischplatte gelegt. Nur der Zeigefinger zuckt ab und zu.

Die Firmengruppe mit 2000 Angestellten gehört der Witwe des Gründers und ihren vier Kindern. Leonardo Ferragamo kümmert sich um die dem Modehaus angeschlossenen Firmen, sein älterer Bruder Ferruccio um das Kerngeschäft. Leonardo hat in Lausanne studiert, eine Herrenkollektion eingeführt, er hat Hotels gekauft und eine Werft, die Segelyachten baut. Im Palast verfiele niemand in Panik, wenn aus dem Gewinn ein zweistelliger Millionenverlust würde, wie ihn Gucci Anfang des Jahres erlitten hat. Es gibt keinen Aktienkurs, der tief fallen kann.

Seit August habe sich die Stimmung gebessert, sagt Ferragamo. Die Experten der Banken bestätigen das. Das Schlimmste sei vorüber. Die Japaner, für die Hälfte aller Luxuswarenumsätze weltweit verantwortlich, kauften wieder ein, dank eines erstarkten Yen.