"Bill sagt meiner Frau, sie solle sich nicht aufregen. Er bindet sich eine Schürze um, zieht ein langes, scharfes Messer und einen Stapel frischer grüner 100-Dollar-Noten heraus und fängt an, das kalte Bargeld klein zu schneiden. Er mache seine Spezialität, erklärt er uns, Geld-Omelettes"

Ich liege in meinem Bett in Brooklyn und schlafe, als das Telefon klingelt. Meine Frau geht ran und sagt benommen: "Für dich… Irgendein Gates." Ich antworte, ich kenne keinen Gates. Sie gibt das weiter und legt auf. 30 Sekunden später klingelt es wieder. Ich sage meiner Frau, sie solle nicht abnehmen, aber natürlich geht sie ran. Schon wieder dieser Gates. Die Augen meiner Frau werden groß, und ihr fällt die Kinnlade herunter. Sie stößt einen kleinen Schrei aus. Ich bin sicher, dass es ein obszöner Anruf ist, und nehme ihr den Hörer aus der Hand. Als ich gerade mittendrin bin, diesem Ekelpaket klar zu machen, was passiert, sollte er es jemals wagen, noch mal anzurufen, unterbricht mich eine freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung: "Nenn mich einfach Bill." Es dauert ein paar Sekunden, bis ich kapiere – es ist der Bill. Bill Gates, der Mega-Milliardär, Mr. Microsoft persönlich ruft bei uns an. Plötzlich beginne ich dümmlich zu grinsen. Meine Augen sind voller Tränen. Ich höre mich sagen: "Es ist mir eine Ehre." Mein neuer bester Freund Bill hat meinen Roman gelesen und entschieden, dass ich erster Preisträger des Gates-Preises werden soll. Er wird mir 100 Millionen Dollar geben. Ach ja, und er will heute Abend zu uns nach Hause zum Essen kommen. Natürlich sage ich zu.

Wir sind gerade nach Brooklyn gezogen. Unser Haus ist ein großes Durcheinander, überall stehen halb volle Umzugskisten. Als wir hektisch mit dem Aufräumen beginnen und darüber nachdenken, was Bill wohl gerne isst, stellt sich plötzlich das dringlichste all unserer Probleme – wie werden wir jemals 100 Millionen Dollar ausgeben können? Sosehr ich meine Arbeit auch liebe – sogar ich muss zugeben, dass 100 Millionen Dollar einfach zu viel sind. Wir beschließen, mit dem Geld Gutes zu tun.

Meine Frau, eine praktische Deutsche mit politischem Gewissen, besteht darauf, dass wir erst mal unsere Rechnungen bezahlen und dann 10000 Dollar für die Kampagne "Bush muss weg!" spenden.

Ich mache eine Liste mit guten Taten und fange an, über dieses traumhafte kleine Segelboot nachzudenken, das wir uns nie leisten konnten. Nichts Überkandideltes, höchstens zehn Meter lang. Meine Frau sagt, dass ich eine kleine Belohnung verdient hätte. Ich setze mich an den Computer und prüfe, was online im Bootsbereich so zu haben ist. Weil das hier ja alles ein Traum ist, verliere ich komplett das Zeitgefühl. Plötzlich ist es fünf Uhr am Nachmittag, und ich habe eine 100 Meter lange Yacht gekauft, die mal Aristoteles Onassis gehörte. Sie hat einen Swimmingpool, einen Hubschrauberlandeplatz und Barhocker, die mit der Vorhaut von Walen bezogen sind. Ferner habe ich drei Ferienhäuser gekauft und unseren alten Volvo durch einen brandneuen Gulfstream-Jet ersetzt.

Dann klingelt es an der Haustür. Es ist Mr. Gates höchstpersönlich. Er sieht aus wie eine Schnecke, die ihr Haus verkauft hat. Die gute Nachricht: Er überreicht mir einen Scheck über 100 Millionen. Die schlechte Nachricht: Er hat die komplette Jury des Gates-Preises mit zu uns zum Essen gebracht. Plötzlich haben wir 25 Gäste – und nur sieben Stühle. Schlimmer noch – in all der Aufregung haben wir vergessen zu kochen.

Bill sagt meiner Frau, sie solle sich nicht aufregen. Er bindet sich eine Schürze um, zieht ein langes, scharfes Messer und einen Stapel frischer grüner 100-Dollar-Noten heraus und fängt an, das kalte Bargeld klein zu schneiden. Er mache seine Spezialität, erklärt er uns. Geld-Omelettes.

Bills Freunde versichern, dass es ein großer Genuss sein werde. Ich kann mich an die Namen unserer anderen Gäste zwar nicht erinnern, aber es waren alles Schweizer Bankiers, Devisenhändler aus Hongkong und Medienbarone aus Kalifornien und … na, Sie wissen schon: Leute, die so reich sind, dass ich mich ihnen gegenüber sogar mit meinen 100 Millionen ärmer fühle als jemals, bevor Gates mir das Geld gab. Dann erwähnt einer von ihnen das Wort Steuern. Mir läuft es kalt den Rücken herunter, als mir klar wird, dass ich mit meiner Yacht, meinen drei Häusern und meinem Jet weniger als eine Million Dollar übrig habe. Unglaublich, aber wahr – es überkommt mich dieses typisch amerikanische Gefühl, mehr zu besitzen, als man verdient hat, und gleichzeitig betrogen worden zu sein.