Jens Jessen: Zu wahrem Luxus gehört Bedenkenlosigkeit, Leichtfertigkeit, vielleicht sogar das leichtfertige Absehen von eigenen Interessen. Ich habe einmal drei Tage Urlaub genommen, um einer Frau beim Umzug zu helfen. Ich hatte nichts mit ihr, ich wollte nichts von ihr, ich kannte sie nicht einmal gut. Noch heute weiß ich nicht, warum ich ihr helfen wollte. Sie wusste es auch nicht. Ich glaube, ich habe mich aufgedrängt. Das Unmotivierte reizte mich. Ich hatte ein geradezu surrealistisches Vergnügen an der Willkür meiner Entscheidung. Es war ein sehr anstrengender Umzug. Er führte von Frankfurt am Main nach Brüssel und fand im Wesentlichen nachts statt. Die Frau erwies sich als überaus charakterstark. Wir durften nichts essen, bis der Umzug vollständig abgewickelt war. Ich hatte schrecklichen Hunger. Es war ein großer Luxus.

Michael Biedowicz: Einmal begleitete ich eine Kollegin nach Hamburg ins Hotel Atlantic, wo sie den Musiker John Cale interviewen wollte. Ich war ein glühender Verehrer von Cale und sehr aufgeregt. Im Hotel musste ich die Toilette aufsuchen. Ein dezent im Hintergrund agierender Toilettenmann temperierte mir das Wasser zum Händewaschen und hielt das Handtuch ausgebreitet bereit. Das alles hatte natürlich seinen Preis. Ich erspähte auf dem obligatorischen Teller eine einzige Münze – ein Fünfmarkstück. Ein Hinweis auf den Haustarif. Glücklicherweise fand ich in meinen Taschen ein ebensolches Geldstück. Mit dem schönen Gefühl, den Mann angemessen entlohnt zu haben, stieg ich die Stufen hinauf. Oben wartete John Cale auf mich.

Sven Hillenkamp: Eines Tages fand ich auf der Straße ein Vorhängeschloss, offen, ohne Schlüssel. Es lag keine zwanzig Meter von der Bahnschranke entfernt, durch die man von der Bonner Südstadt ins Regierungsviertel gelangte. Ich hob es auf und hatte die Idee. Am nächsten Morgen wartete ich, bis die Schranke sich gesenkt hatte, dann schloss ich beide Schlagbäume an den darunter hängenden Gittern zusammen. Es machte klack, und ich ging langsam davon. Irgendwann begann das Hupen. Es war weithin zu hören. Die Autos standen drei Häuserblocks weit, darin Ministerialräte und Ministerialdirigenten, Referats- und Abteilungsleiter mit roten Köpfen. An diesem Tag wurde in Deutschland erst etwa eine halbe Stunde später mit dem Regieren begonnen. So lange dauerte es nach Bericht meines Freundes Tobi, bis die Feuerwehr eintraf, das Schloss mit einem Bolzenschneider geknackt und das Chaos sich aufgelöst hatte. Drei Tage später stellte ich mich der Polizei. Ich hatte keine andere Wahl. Ein Nachbar hatte Tobi angeschwärzt; er hielt ihn für den Täter. Die Beamten nahmen mein Geständnis auf und ließen mich laufen. Ich war ja erst elf. Mein Vater redete ein ernstes Wort mit mir und bezahlte den Feuerwehreinsatz. Zum Glück zog er ihn mir nicht vom Taschengeld ab. Die Kosten für die Regierungsverspätung wurden nie beziffert.

Moritz Müller-Wirth: In München, direkt vor dem Hauptgebäude der Ludwig- Maximilians-Universität, herrscht Markt. Automarkt. Niemals habe ich jemanden dort wirklich ein Auto kaufen sehen. Außer mich selbst. Es war einer dieser föhnverwöhnten Blauhimmelstage, eine Fahrt nach Ulm stand an, der Intercity war gerade weg, der nächste fuhr erst in einer Stunde. Da stand er da, ein Käfer, cremeweiß und matt, ein Jahr TÜV, VB 400 Mark. In der nächsten Telefonzelle wurden wir uns einig, 15 Minuten später wechselten Schlüssel, Papiere und 350 Mark den Besitzer. Die Fahrt nach Ulm verging wie im Rausch, ein betörendes Gefühl. Zurück in München, blieb er liegen. Dann wurde er entsorgt, irreparabel. Das kostete 1984 noch mal 300 Mark. In den nächsten Ferien wurde wieder gejobbt.