Fast schien es, als wollte das Kalenderjahr einfach so verrinnen, ganz ohne Pop-Advent, bloß mit schlechten Nachrichten über Rentenkürzungen und Eigenbeteiligung beim Zahnersatz. Bis McCartney vor wenigen Wochen doch noch die Katze aus dem Sack ließ. Aufatmen allerorten: Der Welt-Beatles-Tag fällt 2003 auf den 17. November.

Was uns erwartet, ist natürlich wieder der absolute Hammer: Let It Be in einer restaurierten Fassung, ohne Geigen und das ganze Dazwischengequatsche vonseiten Lennons, bloß die Musik, "naked" wie John, Paul, George und Ringo sie schufen, allerdings von den originalen Toningenieuren mit modernsten Mitteln neu gemischt. Das Ergebnis, wir konnten uns unter notarieller Aufsicht vorab davon überzeugen, klingt toll, streckenweise meint man, die echten Beatles zu hören, nur eben besser, transparenter, irgendwie … zeitgemäßer. So hätte die Band geklungen, wäre sie nicht am Ende ihrer Karriere ein wenig verwirrt gewesen.

Zur Erinnerung: In den späten Sechzigern waren die Fab Four schlecht drauf. Irgendetwas lief ihnen davon, vielleicht der Zeitgeist, vielleicht auch nur die Kreativität. Weil sie ihr gesamtes Pulver für das Weiße Album und Abbey Road verschossen hatten, probten sie, einander schon nicht mehr so recht zugetan, einige halbfertige Lieder auf dem Dach des firmeneigenen Gebäudes. Der Versuch, eine Spontan-Live-LP mit Happening-Charakter aufzunehmen, brachte den Londoner Verkehr zum Erliegen – genützt hat’s bekanntlich nichts.

Als John einmal besonders sauer auf Paul war, dachte er sich dann eine große Gemeinheit aus. Heimlich lud er den Produzenten Phil Spector, schon damals für seinen stark changierenden Charakter bekannt, in die Abbey-Road-Studios, um den vermurksten Aufnahmen etwas Pep zu verleihen. Spector kam, sah, dass wenig zu retten war, kippte etwas Streichersoße über die Balladen und reiste wieder ab. So nahm das Unvermeidliche seinen Lauf, und seither haben wir den Salat: das letzte Album der berühmten Beatles, ein Potpourri aus Skizzen, Zoten und Schnulzen, das in einer guten halben Stunde an einem vorüberrauscht.

Nun mag einer sagen, so sei das nun mal, wenn Ehen zerfallen, John, Paul, George und Ringo hätten ihr Genie ein letztes Mal aufblitzen lassen, indem sie ihren eigenen Niedergang inszenierten: Bye-bye, Viererkette des Pop. Schließlich hieß das Ganze am Schluss ja auch nicht mehr Get Back – zu den Ursprüngen als Fetencombo nämlich, wie es gedacht war –, sondern, einer mit Marienerscheinungen verbundenen Eingebung McCartneys folgend, "Lass es sein". Die Beatles nachträglich verbessern wollen, das sei, als wollte man die Scheidung der eigenen Eltern nicht wahrhaben: als Wunsch verständlich, doch psychologisch unproduktiv und historisch zweifelhaft. Außerdem: Wenn Geschichte grenzenlos remixbar ist, wird McCartney eines Tages Lennon ganz aus der Beatles-Historie rausmischen – Tendenzen in der Richtung zeigt er seit Jahren.

So könnte man, wie gesagt, argumentieren, aber will man das wirklich? Millionen von Fans, die sich bekanntlich nicht irren können, haben sich für einen anderen Weg entschieden. Für sie sind John, Paul, George und Ringo die heilige Familie einer versunkenen Ära, der Kaufakt, das Festhalten an den damit verbundenen family values. Und weil die Nachfrage auch 33 1/3 Jahre nach dem Ende nicht aufhört, wird eben munter weiter im Nachlass gewühlt, geplündert, aufpoliert und verbessert. Es scheint, mit anderen Worten, ein Menschenrecht auf Beatlestum zu geben, das gerade die jüngeren Generationen ergriffen hat: Wenn alle Moden und Revivals durch sind, landet man automatisch wieder bei der Urerzählung, der Geschichte von den vier Jungs aus Liverpool, die die Welt aufmischten.

Außerhalb dieser Wertegemeinschaft steht, neben Osama bin Laden und einigen Ewiggestrigen, bloß der bedauerliche Mensch von der Schallplattenfirma, der die blutjungen Beatles seinerzeit ablehnte, weil Gitarrenbands "nicht mehr angesagt" seien. Schwer vorstellbar, dass sein historischer Irrtum ihn nicht in den Wahnsinn getrieben hat, zumal er Jahr um Jahr daran erinnert wird. Der Rest der Welt hält sich, wenn er am Montag Let it Be … Naked mit zittrigen Fingern in den Rekorder einführt, an das Lennonsche Motto: "Turn off your mind, relax and float downstream" – auch wenn das aus Revolver ist.