Wer eine Hard-Rock-Band The Darkness nennt und einen Song Love On The Rocks With No Ice, erkennt Klischees nicht – oder spielt mit ihnen. Wer sich im Video als Parzival mit Lockenmähne und Blumenkranz zeigt und mit der E-Gitarre auf eine Riesenkrake eindrischt, hat keinen Geschmack – oder Sinn für Humor. Wer, wie Darkness-Frontmann Justin Hawkins, zur Van-Halen-Gitarre mit Falsettstimme " Can’t explain all the feelings that you’re making me feel" kreischt, macht sich lächerlich – oder hat das Zeug zum Superstar.

England zumindest hat sich entschieden: für Justin und Dan Hawkins, leptosome Jünglinge aus dem Küstenstädtchen Lowestoft, für den Glamour, die Travestie, die ganz große Rockstar-Nummer. Die Fakten: The Darkness sind – nicht zuletzt dank der notorischen Unterstützung des New Musical Express – die erfolgreichste britische Band des Jahres 2003, ihr im Juli erschienenes Debüt-Album Permission To Land stand wochenlang auf Platz eins. Der Hype: ausverkaufte Hallen allüberall! Auftritte als Vorgruppe von Robbie Williams und den Rolling Stones! Blitztour nach New York und Los Angeles, Nachnominierung zu den MTV Europe Music Awards! Und so weiter. All das, obwohl der Darkness-Sound vom Hitparaden-Hard-Rock der achtziger Jahre kaum zu unterscheiden wäre, hätte Hawkins’ Falsett nicht dieses besondere Timbre: sexualisiert, ironisch und unprofessionell, das Kreischen der handelsüblichen Metal-Männchen souverän persiflierend.

The Darkness treiben den Kampf um letzte Unterscheidungen auf dem Gebiet des Echten auf eine neue Spitze, indem sie jeden Versuch, originell zu sein, konsequent unterdrücken. Ihr hundertprozentiger Retrorock ist ein Angriff auf den momentanen Mainstream des sechzigprozentigen Retrorocks der amerikanischen "The"-Bands um The Strokes. Sie können das, weil sie ihre Karriere als Cover-Band begonnen haben, gleichsam die Klippschule des Rock hinter sich gebracht haben. Ihre pink gefärbten Dauerwellen tragen sie mit ebenso selbstverständlicher Grazie wie ihre zebragestreiften Ganzkörperpräservative von Bühnenkleidung, und ihre Show bezieht ihre Zutaten von überallher. Ganz nebenbei sind The Darkness auch noch souveräne Helden in vergessenen Disziplinen wie dem minutenlangen und mutwilligen Quälen von Gitarren und dem Herausfordern Amerikas.

Der Fehdehandschuh wurde geworfen, im Heimatland des Rock zeigt man sich düpiert. Schon berichten die ersten Gazetten von mit fliegenden Fahnen übergelaufenen Teenagern. Im Februar soll Deutschland im Sturm genommen werden: Darkness -mania! Ob das alles ernst gemeint ist, wie die Hawkins-Brüder in Interviews behaupten, oder nicht doch eher als Riesenwitz daherkommt – wen kümmert’s? Nur in der Pose ist Rock noch echt, nur in der vollkommenen Kalkulation romantisch. Mit der "Renaissance des Heavy Metal", vor der sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung fürchtet, hat The Darkness deshalb wenig bis nichts zu tun, umso mehr mit Konzeptkunst und Kostümfest und ewiger Wiederkehr: Was gerade subversiv und neu ist im Pop, zeigt immer nur die Jahreszahl. Wir haben 2003, freuen wir uns über The Darkness – lustiger wird’s nimmer.