Gelber Kopf, braune Rückenstreifen: Emberiza citrinella , die Goldammer, ein Finkenvogel. Ingeborg Bachmann schreibt in ihren wundersamen Notizen über Die wunderliche Musik, dass man sich die Sänger nach einer Verwandlung genau so vorzustellen habe: Vogelgleich steckten sie den überflüssigen Ballast ihrer Körper und Hirne unter die Federn und flögen davon, wenn all das nicht wäre: die Töne, die Worte, das Kostüm. "Für ein Lied geliebte und für ein Lied verstoßene Sänger…!" In diesem Satz kuliminiert die Betrachtung und, richtig gelesen, klingen die drei Punkte nach, sind Musik. Ein kleines, großes Ach.

Manchmal pochen die Sänger selber auf ihr Recht: Lasst mich fliegen! So geschieht es in der New Yorker Carnegie Hall beim Debüt der Texanerin Susan Graham. Am Ende ihres Liederabends wünscht sich die Star-Mezzosopranistin mit einem Lied von Ben Moore ein Leben als Sexy Lady – jenseits der Hosenrollen, auf die sie sonst abonniert ist bei Mozart und Händel, oder als Komponist in der Ariadne von Richard Strauss. Andererseits sind die roten Abendwolken aus den Zigeunerliedern, op. 103 von Brahms bei ihr seltsam blass verzogen, Alban Bergs dunkle Nacht erstaunlich folgenlos vergangen (was nicht wenig an Malcolm Martineaus Klavierspiel liegt), Claude Debussys zart schimmernde Blumen der Proses Lyriques befremdlich schnell verblüht. Schließlich noch Mahlers Liebst du um Schönheit: Es ist vielleicht alles ein bisschen viel an diesem Abend, programmatisch gesehen, zumal wenn man vergleicht, wie tief lotend allein Debussy zu singen wäre, zu fühlen ist. Juliane Banse kombiniert dessen Lieder nach Verlaine und Mallarmé horizonterweiternd und sehr schön mit kleinen Piècen von Mozart. Deshalb müsste bei Susan Graham wohl einer, mit Alban Berg und Carl Hauptmann, rufen: "O gib Acht! Gib Acht!"

Derweil treibt es andere nicht ins Weite, sondern heim, wovon wiederum die Welt erfahren soll, denn die Welt will Biografisches. "Gib mir, o Gott, die Flügel eines Schwans", singt die Bulgarin Vesselina Kasarova in ihrer Muttersprache auf der Suche nach dem Land ihres Vaters. Das liegt weit entfernt von den großen Bühnen, auf denen sie mittlerweile zu Hause ist. Hymnisch getragen, mollgefüttert und septenselig geht die Reise auf Bulgarian Soul hinter die Berge, nach Thrakien, in die Tradition, in die Vergangenheit – und endet öfter in Kitschistan. Mit der Spurensuche nämlich, die, musikalisch gesehen, ein wenig vor der differenzierten Mehrstimmigkeit enden müsste, also ganz schlicht im Volkslied ankäme, geht zugleich die Veroperung des Materials einher. Der Star will eben doch kein Fink, sondern ein Kolibri sein. Obwohl es nicht unsere Seele ist, die Vesselina Kasarova hier verkauft.

Geglaubt würden den Sängern ja eh nur die Töne, schrieb Ingeborg Bachmann, "am allerwenigsten die Worte, die sie zerdehnen und raffen nach Belieben, im Legato, im Tremolo, im Triller", was die Dichterin wiederum nicht hinderte, in einem Entwurf zu einer Eloge Maria Callas allein ein "ecco un artista" nachzurufen, und es gibt ja an diesem Bild bis heute nicht viel zu revidieren. Umso größer bleibt die Sehnsucht des Publikums, von Passionen wirklich aus den Polstern gerissen zu werden.

Mitunter tut es aber auch schon die blank gewienerte Emotion, die Cecilia Bartoli perfekt abliefert in ihrer Hommage an den Komponisten Antonio Salieri, der dem Konkurrenten Mozart seinerzeit verkaufsstrategisch überlegen war und von dem dann doch nicht viel geblieben ist. La Bartoli glaubt: zu Unrecht. Folgerichtig widmet sie sich den Ausgrabungen mit allem, was möglich ist – Tremolo, Triller, Legato, voll gefiederte Attacke und weich schwingende Intonation. Es ist ein Fest, mit geradezu überfallsartiger Emphase veranstaltet. Man fragt sich nur: Für wen? Wie viel Salieri gefehlt hat zu Mozart und wie wenig er ihm heute gewachsen ist, offenbart gleich die Arie der Contessa aus Salieris La scuola de’ gelosi: die ähnlich angelegt ist wie das Dove sono der Gräfin im Figaro. Das Orchestra of Enlightenment unter Adam Fischer macht sich wie die doch recht aufgeplusterte Cecilia Bartoli alle Mühe, Salieris Partitur nervig vorzudatieren, und doch fällt die Musik immer wieder auf den Boden der historischen Tatsachen zurück. Sie kommt nur unwesentlich über Gluck hinaus. Konfektionsware, als Konfekt verpackt.

Über all diesem schwebt die Kunst der 1988 gestorbenen Irmgard Seefried, von der die Kollegin (und Duett-Partnerin) Elisabeth Schwarzkopf gesagt hat, dass sie mit dem Herzen singe (und denke). Bei der Seefried ist jenes Ideal erreicht, das Susan Graham anstrebt. Sie ist in jeder Rolle bei sich, weil sie die Rolle nicht als solche versteht. Sie versteht das Stück. Was an Leben darin ist, wird ihr Eigenes. Erstmals kann man sie mit den Ende der fünfziger Jahre aufgenommenen Mörike-Liedern von Hugo Wolf hören. Und das hoch artifizielle Du der "luftgebornen Muse" aus der Äolsharfe klingt denn auch ganz einfach: als anschauliches Bild. Leise trippelnd und vollkommen unbeschwert, tritt die Musik ins Leben, goldammerngleich – und hör es, o Seele! Sie fliegt.