Als er 1725 starb und seine große Familie in finanziellen Schwierigkeiten zurückließ, war die Zeit schon über ihn hinweggegangen. Alessandro Scarlatti, der um die Wende zum 18. Jahrhundert als einer der größten Opernkomponisten Europas verehrt worden war, galt am Ende seines Lebens als hochbedeutender Musiker von gestern. Hasse und Quantz waren zwar nach Neapel gepilgert, um ihn als Lehrer zu erleben. Aber seine Musik wollte kaum noch jemand hören, in den Theaterhochburgen Venedig oder Neapel fielen die späten Opern durch. Das auf Unterhaltung erpichte Publikum empfand sie als schwierig und altmodisch. Seine 1721 uraufgeführte (vorletzte) Oper Griselda fand nur noch beim konservativen Publikum in Rom Interesse.

Alessandro Scarlatti ist nicht, wie lange behauptet, der Begründer der so genannten neapolitanischen Opernschule im 18. Jahrhundert. Das Recitativo accompagnato beispielsweise , das orchesterbegleitete Rezitativ, das die ältere Musikwissenschaft ihm zuschrieb, gab es in Wahrheit vor ihm. Scarlatti bündelte und verfeinerte noch einmal, was die Oper vor 1700 ausgemacht hatte. Doch hört man heute, aus der Distanz von dreihundert Jahren, die Arie der Griselda, Finirà, barbara sorte, muss man schlucken: Das Maß an Trauer, Einsamkeit und Leid einer großen Seele, das aus dieser Musik spricht, lässt niemanden kalt, zumal wenn Dorothea Röschmann singt, wie in der Neuaufnahme mit dem Dirigenten René Jacobs. Überhaupt sind viele Da-capo-Arien in Griselda von einer Raffinesse, die Händel selten erreichte, auch wenn er den gesünderen Theaterinstinkt besaß. Und die Rezitative klingen natürlich im Sprachfluss und bewegend zugleich.

In Costanzas Qualor tiranno Amore wird die tyrannische Liebe mit einem hübschen Jungen verglichen, der ein Vögelchen streichelt und es dann tötet. Zur psychologischen Studie gerät die Arie: Scarlatti lässt die Orchesterfarben von tändelnder Lebensfreude in eisige Grausamkeit umschlagen. Ein Altmeister ist da am Werk, der mit sparsamsten Mitteln eine fantastische Palette an Instrumentalfarben zaubert. Aber gerade dies überzeugte seine Zeitgenossen nicht. Zu aristokratisch war die Musik des Herrn Cavaliere, zu knauserig im Gebrauch der Koloraturen. Sie überforderte ein Publikum, das sich fünf Stunden auf das komplexe Seelenleben der Personen konzentrieren sollte (Jacobs kürzt auf drei), anstatt mit komischen Einlagen und aufwändigem Bühnengeschehen gut unterhalten zu werden. Wahrscheinlich hätte Griselda jeden kommerziellen Opernbetrieb der damaligen Zeit ruiniert. Heute macht gerade die Reduktion auf das Wesentliche die Faszination des Werkes aus. Jacobs hält die Oper für das allgemein gültige Testament Alessandro Scarlattis.

Röschmann, Zazzo, Fink, Santafé,

Cangemi, van Rensburg; Akademie

für Alte Musik Berlin; René Jacobs

(Harmonia mundi 901805.07)