Wo war bloß der Jung’ mit dem Tüdelband?

Ein Lied, ein Liedchen, eine Melodie nur. Aufgeschnappt an der Ecke, mitgeträllert oder auch gegrölt, als vieltausendstimmiger Chor im Stadion des FC St. Pauli. Ein paar Töne, ein paar Worte, die sich eingebrannt haben ins Unterbewusstsein der Stadt: Jeder in Hamburg kennt das Lied vom Jung mit dem Tüdelband, jeder weiß es mitzusummen, aber kaum einer kennt die Geschichte, die es erzählen kann.

Das Lied auf den "Hamborger Jung", der in der einen Hand ein "Bodderbrot mit Käs" hält, während er per Stock einen Metallreifen, das Tüdelband, übers Kopfsteinpflaster treibt, stammt von Ludwig Isaac, der aus einer jüdischen Familie von Sängern und Revuestars stammte. Als Gebrüder Wolf nahmen die Isaacs zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als 60 Schallplatten mit ebenso derben wie eingängigen Couplets auf, spielten die Hauptrollen in einem Stummfilm, feierten im europäischen Ausland Erfolge und besaßen schließlich sogar das Operettenhaus auf St. Pauli.

Kiezhonoratioren waren sie, stadtbekannte Originale, die – durchaus patriotisch gesinnt – im Ersten Weltkrieg die Truppen an der Front unterhielten und schon 1924 ihren jüdischen Familiennamen ablegten, um ihr Bühnenpseudonym auch offiziell zu tragen. Doch trotz Assimilation kam mit der nationalsozialistischen Machtübernahme das Auftrittsverbot. Die Nazis erklärten die größten Hits der Gebrüder Wolf zu deutschem Volksgut und verboten ihnen, ihre eigenen Lieder zu singen. Es folgten Deportation, Flucht und Exil in Shanghai.

Ein arisiertes kleines Lied

Einer der Brüder wird in Theresienstadt ermordet, die anderen sterben in der neuen Heimat USA. Nur Ludwig bleibt in Hamburg, überlebt die NS-Zeit dank einer so genannten Misch-Ehe und stirbt 1955. Damals war das Kapitel der Gebrüder Wolf gründlich aus der Geschichte der Hamburger populären Musik verschwunden. Nicht nur ihr Film ist verschollen, bis heute konnte auch keine Originalaufnahme ihrer Erkennungsmelodie, des Lieds vom Äpfel klauenden Tüdelband-Treiber, ausfindig gemacht werden.

Auf Return of the Tüdelband (Trikont/Indigo), einer Hommage an die Wolfs, horchen Hamburger Musiker nun wenigstens den Echos aus der Vergangenheit nach. Bei der Country-Band Fink wird aus dem Lied vom Hamburger, der nicht nur sprichwörtlich auf die Nase fällt, eine Hommage an das Fernweh, Viktor Marek & Jacques Palminger erzählen sprechsingend über einem Dub-Rhythmus vom Leben auf der Straße. Die vier Musiker von Kontradiction mahnen per Reggae ein liberales Hamburg an, bei Veranda Music durchläuft der "Hamborger Jung" eine veritable Drogenkarriere, und Bernadette La Hengst lässt das Liedchen zum Sozialdrama mutieren. Return of the Tüdelband versammelt keine traditionellen Coverversionen, es wird umgedichtet, ergänzt, oft auch nur ein einzelner Aspekt des Originals herausgezogen und ausgebaut. Das allerdings in allen erdenklichen Stilen. Ein altes Lied wird zum Platzhalter für Sehnsüchte von heute. Noch einmal verdichtet sich darin das Lebensgefühl einer Stadt.

Die Rückkehr nach St. Pauli

Wo war bloß der Jung’ mit dem Tüdelband?

Mittlerweile hat sich das musikalische Bergungsunternehmen sogar zu einer Art Aufarbeitungsmaschinerie entwickelt. Schon vor der Platte hatte der Filmemacher Jens Huckeriede begonnen, die Geschichte der Wolfs zu recherchieren. Dabei stieß er auf den Urenkel Dan Wolf, der bis zum Auftauchen des Filmers nichts von der musikalischen Vergangenheit seiner Familie wusste. Dan Wolf wiederum ist selbst Musiker, Teil der Rap-Formation Felonious, die nun die Tüdelband- CD ebenso eröffnet wie Huckeriedes gleichnamigen Film.

"I seek the people’s story" rappt er dort, forscht nach Spuren auf der Reeperbahn, im KZ Neuengamme, in der Synagoge und im Luftschutzbunker. Der jüngste Wolf rappt auf Englisch und adaptiert problemlos das Plattdeutsch seiner Vorfahren, auch wenn er die Worte nicht ganz versteht. Siebzig Jahre nach dem Versuch der Isaacs, sich als Gebrüder Wolf neu zu erfinden, wechselt der Urenkel ganz selbstverständlich die Identitäten. Auf Huckeriedes Anregung entstanden zudem eine Ausstellung und eine erfolgreiche Theater-Revue – in den Hamburger Kammerspielen, deren Gebäude bis 1941 den jüdischen Kulturbund beherbergte, ab 1942 jedoch als Sammelstelle für Deportationen diente.

Nicht eben wenig hat es in Bewegung gesetzt, das kleine Lied, nachdem es scheinbar zufällig wieder aufgetaucht war aus dem kollektiven Gedächtnis. Return of the Tüdelband ist nicht nur eine Reminiszenz an gewaltsam unterbrochene Traditionen, eine Variation übers Erinnern, das vor dem Vergessen rettet. Es ist auch ein Lehrstück über die Macht der Musik. Der Zauber eines mehr als 90 Jahre alten Songs schafft, was kein Geschichtsbuch vermag: Er lässt Vergangenheit wiederauferstehen.

Der Film "Return of the Tüdelband" läuft in einigen Programmkinos. Der Tüdelband-Katalog ist im September '03 in zweiter Auflage beim Hamburger Abendblatt "Bücher & Mehr" erschienen und dort zu beziehen. Kontakt: Hamburger Abendblatt, BÜCHER & MEHR, Frau Helga Obens, Fax: 347-12272, oder 347-123377, Tel: 347-22 272