Im Grunde seines Herzens war Mario Merz ein Architekt, einer, der nach den Urgründen des Daseins forscht und diesen eine Behausung schenken will, eine archaische Form der Einkehr, die aus der Natur kommt und alles Zivilisatorische umschließt. Für Merz, 1925 in Mailand geboren, war diese Form das Iglu. Er baute es aus Stahl, aus Glas, aus Torf oder Reisigbündeln, immer anders und immer gleich. Das Iglu war für ihn "ein Haus ohne Kamine, ohne Dächer, weil es ganz Dach ist. Es ist ein Haus ohne Fundament, ein Haus, das nicht die Struktur der Tradition hat. Aber es hat die Tradition in sich."

Diese Tradition wollte Merz zurückholen in die Kunst, ins Museum, er wollte dort, wo nur die Oberfläche regierte, ein Zelt für das wahre Leben aufschlagen. Nicht ums Ausstellen, ums Aufstellen ging es ihm. Nicht ums Künstlern, sondern ums Arbeiten. Das Einfache und Alltägliche wurden zu seiner Passion, er baute an einer "Arte povera", an einer armen Kunst - und meinte das durchaus politisch. Während des Zweiten Weltkriegs hatte er sich im antifaschistischen Widerstand der Gruppe Giustizia e libertà engagiert.

Nach dem Krieg entwickelte sich für ihn die Kunst zum Ausdruck des Widerständigen. Und spätestens in den sechziger Jahren verstand er seine Erdhaufen und mit Neonröhren gespickten Heuballen als Gegenprogramm zur Pop-Art, die ihm nur die Ästhetik der kapitalistischen Warenwelt zu verherrlichen schien. Er wollte Tiefe, wollte Versöhnung, alles Technische und alles Kreatürliche sollten in seiner Kunst zusammenfinden, in einem Motorrad mit Gazellenhörnern zum Beispiel, das er auf der documenta V die Wand hinauffahren ließ, oder eben in seinen pathetisch fragilen Iglus. Am Sonntag ist Mario Merz, der große Behüter, gestorben.