Scharf wie mit einem Messer ist Loch Ness in die Highlands geschnitten. Dunkel wie schottischer Tee schimmert seine Oberfläche. Sein Wasser birgt ein Geheimnis, das seit Jahrhunderten die Gemüter bewegt. Zum ersten Mal erspähte 565 ein irischer Missionar das Ungeheuer von Loch Ness, zum Medienstar wurde es allerdings erst vor 70 Jahren: Am 13. November 1933 gelang Hugh Gray, einem Angestellten der Britischen-Aluminium-Gesellschaft, ein ganz besonderes Foto. Es zeigte verschwommen eine schlangenartige Kreatur. Das Bild wurde in mehreren Zeitungen veröffentlicht, und im Dezember 1933 sponserte die Daily Mail die erste Nessie-Expedition. Zu Weihnachten scharten sich Hunderte von Neugierigen rund um Loch Ness, am Nordufer wurden, der besseren Sicht wegen, ganze Baumreihen gefällt. Und bereits damals argwöhnten manche, es handele sich um einen faulen Trick, um Touristen in die kaum besiedelten Highlands zu locken.

Heute streifen 240000 Besucher jährlich um den See. Drumnadrochit, am Nordufer gelegen, ist die Kapitale der Nessie-Forschung. Hier wurde Nessie am häufigsten gesichtet – vor Urquhart Castle, einer der romantischsten Ruinen Schottlands. Täglich kreuzen Späherboote, ausgerüstet mit Video- und Sonargeräten, über den See, um das Monster zu bespitzeln.

Am Steuer steht George Edwards, die Ray-Ban-Sonnenbrille auf der Nase. "Halten Sie die Fotoapparate bereit", schmettert er ins Mikrofon. Ungläubig grinsen ein paar der Leute. In der Kajüte läuft ein Video, das den Boden des Sees zeigt: eine ernüchternd langweilige Mondlandschaft. Der dunkle, geheimnisvolle Loch Ness ist fast 38 Kilometer lang und damit länger als die Strecke von Calais nach Dover, aber nur eineinhalb Kilometer breit. Steil sind die Flanken, die bis in 250 Meter Tiefe reichen. Der See ist ein gigantisches Frischwasserbecken, das sich nach Ende der Eiszeit gebildet hat.

Nicht ein Tier, eine ganze Familie

"Ich habe Nessie gesehen", sagt George Edwards, "17-, 18-mal in den letzten 41 Jahren. Aber wir nennen sie nicht Nessie, sondern Eioch Uisge . Das ist Gälisch, die Sprache Schottlands, und bedeutet Wasserpferd." Die mythischen Wasserpferde lebten in jedem schottischen See und rissen die Menschen in die dunklen Fluten. Doch Nessie soll kein solches Fabelwesen sein. Einige der Leute, deren Hobby es ist, dem Phänomen nachzuforschen, versteiften sich auf die Theorie, bei Nessie handle es sich um einen Plesiosaurier, der in der Eiszeit im See hängen blieb. Die Realisten rechnen eher mit einem Nachfahren einer urzeitlichen oder einer unbekannten Spezies.

Die Monsterjäger kamen schon auf die eigenwilligsten Ideen, um das Geschöpf aufzuspüren. Einer wollte das Wasser vergiften, damit das tote Ungetüm an die Oberfläche treibt; ein Engländer sandte mit einem Riesenvibrator Wellen in die Fluten, um das Untier zu stimulieren.

Manche sagen, Nessies Aussehen gleiche einem Dinosaurier, andere erinnert es an einen Drachen. Valerie Moffat hat von ihrer Terrasse, gleich oberhalb von Urquhart Castle, das Ungetüm erspäht. "Ich sah hinunter in die Bucht", erinnert sie sich, "es war ein sonniger Tag, das Wasser war blau, der Himmel klar, keine Wolke warf einen Schatten. Dann entdeckte ich dieses riesige Wesen, sehr dunkel in den Farben, schwarz, grau, schlammgrün, schmutzfarben. Ich dachte nur – Himmel, was ist das? Es sah aus wie ein Boot, das kieloben schwimmt." Die These vom Urzeittier, das den Sprung ins Heute schaffte, hält Valerie, die Zimmer an Touristen vermietet, für Unfug. "Keiner kann ernsthaft glauben, dass ein Geschöpf so lange lebt", sagt sie lachend, "Galapagos-Schildkröten kommen gerade mal auf 600 Jahre, und das ist schon eine Menge. Viele gehen davon aus, dass nicht nur ein Tier im See lebt, sondern eine ganze Familie. Deshalb verstehe ich nicht, dass keiner sie findet! Sie muss eine perfekte Mimikry besitzen."