Da Adoleszenz im Kino meistens bedeutet, jugendlichen Helden dabei zuzusehen, wie sie gewisse Kontraste zu ihrer Umgebung entwickeln, muss es einen Hintersinn haben, wenn ein Regisseur einen halbwüchsigen Albino in eine Schneelandschaft steckt. Tatsächlich scheint Nói (Tómas Lemarquis) mit der weißen eintönigen Natur, die sein Dorf umgibt, auf seltsame Weise verbunden zu sein. Man könnte auch sagen, dass Nói das Eis erkannt hat, als dumpfe, ewige, erdrückende Präsenz. Dennoch ist das Weiß in diesem Film keine plumpe Metapher, eher eine Stimmung, die sich über die Aufbruchsgefühle und kleinen Verweigerungen der Jugend legt. In einer der besten Szenen von Nói Albinói sieht man Dagur Káris aufmüpfigem Helden dabei zu, wie er mit seinem Gewehr vor einem gefrorenen Wasserfall steht und riesige Eiszapfen herunterschießt. Weithin ist das Knallen des berstenden Eises zu hören. Es ist eine Aggression, die sich gegen alles und niemanden richtet und die von der reglosen Stille der Fjorde augenblicklich geschluckt wird.

Gegen wen soll man schon aufbegehren in der Einsamkeit eines winzigen isländischen Dorfes? Da ist der verständnisvolle Lehrer, den alle duzen. Da gibt es den stets besoffenen, aber liebenswerten Vater und eine leicht umnachtete Oma, die sich immerhin die Mühe macht, den Enkel morgens mit Gewehrschüssen zu wecken. Selbst Nóis spontaner Banküberfall, die kühnste Tat, zu der sich dieses glatzköpfige, wimpernlose Wesen hinreißen lässt, versinkt in jener Woge allgemeiner Nachsicht, die es nur in sehr kleinen, sehr inzestuösen Dörfern geben kann: ein mütterlicher Blick der Kassiererin, ein Rauswurf, ein konfisziertes Gewehr – und der Mann in der Bildecke lässt sich nicht einmal beim Kaffeeschlürfen unterbrechen.

Das Eis arbeitet sich weiter, tiefer, in die Menschen hinein. Selbst die Toten haben es schwer an diesem abgelegenen, rauen Ort, denn Nói, der einen Job beim Pfarrer gefunden hat, weigert sich, die üblichen drei Meter in den Friedhofsfost zu hacken. Ein Kochunfall, bei dem er seine Familie mit Schweineblut bespritzt, wirkt wie ein ferner Nachhall jener aufregenden, gewalttätigen Jugendfilme, in denen wirklich was los ist. Ìris, das schöne Mädchen von der Tankstelle – ein träges Zitat all der anderen Kino-Mädchen, die wenigstens einsteigen ins gestohlene Auto und mit dem Helden in die unbekannte Ferne brausen.

Mag sein, dass in diesem Film ein bisschen zu viel Kierkegaard gelesen wird und dass die Figuren allzu kauzig sind. Mag sein, dass Dagur Káris Kamera zu selten auf die ewig umnebelte, fahl-weiße Landschaft blickt und sich zu wohl fühlt in den engen, von der Wintersonne kaum erleuchteten Räumen, in denen man bald jede Tapete zu kennen glaubt. Und wenn schon.

In einem ihrer Briefe träumt Virginia Woolf vom Schnee, der so lange vom Himmel fällt, bis er die Geräusche und jeden Alltag sanft erstickt hat. In Nói Albinói sind wir auf der nächsten Gletscherstufe angelangt, ist alles bereits unter dem Weiß begraben. Erleichterung bringt dem Helden dieses Films ein anderer Traum. Von der gewaltigen Lawine, nach der wir alle uns hin und wieder sehnen, auch wenn sie keine wirkliche Befreiung bringen kann.