Der Publizist Horst Afheldt hat wieder ein furioses Buch geschrieben, nichts Ganzes, aber auch nichts Halbes. Früh wie kaum ein anderer hat er vor knapp zehn Jahren die Globalisierung kritisiert: "Wohlstand für niemand" sei die Folge einer Entwicklung, die die Arbeit immer billiger mache. Das Versprechen Ludwig Erhards und der Sozialen Marktwirtschaft ("Wohlstand für alle") verkehre sich in sein Gegenteil. Auch diesmal hat er seiner Philippika gegen den Neoliberalismus wieder einen reißerischen Titel gegeben : Wirtschaft, die arm macht. Alles sei gewachsen seit den 1970er Jahren: das Sozialprodukt, die Zahl der Arbeitslosen wie der Sozialhilfeempfänger. "Was ist das für eine Wirtschaft, in der die Verdoppelung des Wirtschaftsertrages Armut in die Gesellschaft bringt?" Afheldt kritisiert die Reformen, wie sie "jetzt schon seit einem Vierteljahrhundert" betrieben würden, er spricht von einer "hemmungslosen Liberalisierung", die die Gesellschaft zu spalten drohe. "Der großen Masse der Bürger hat diese Wirtschaft also nicht mehr gedient."

Es gibt wohl wenige politische Bücher, in denen richtige Problemanzeigen, eine abenteuerliche Ökonomie und ein gewisser Wirklichkeitsverlust so dicht und so friedlich nebeneinander hausen. Es ist keine Frage, dass ein ungeregelter Freihandel weltweit die Ungleichheiten verschärft und die Weltwirtschaft destabilisieren kann. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz hat im Einzelnen gezeigt, wohin das führt und was man dagegen tun kann. Globalisierung, technologischer Fortschritt und die gestiegene Bedeutung von Wissen als Produktivkraft führen zu einer Neuverteilung von Armut und Reichtum in und zwischen den Ländern: Es wird Reichtumsinseln im Süden und Armutsinseln im Norden der Hemisphäre geben. Und der Autor legt ganz gewiss auch den Finger auf den wunden Punkt: dass die Wirtschaft allen zu dienen habe, dass alle etwas von Fortschritt und Wandel haben müssten, dass Fragen der Gerechtigkeit nicht verschwiegen und Ungleichheiten, über ein gewisses Maß hinaus, schwer erträglich seien. Und Europa könnte, auch da wird man gern dem Autor folgen, vorbildlich gerade durch die glückliche Verbindung von Demokratie, wirtschaftlicher Dynamik und sozialem Ausgleich sein.

Doch Afheldts Vision geht weit darüber hinaus. Er will ein "Europa als Sozialstaatskontinent im Meer eines schrankenlosen Liberalismus", und er will es durch Abschottung vom Rest der Welt, vornehmer ausgedrückt: durch eine Weltwirtschaft, gegliedert in Regionen. Das Problem sei nicht "die Reform des Sozialstaates, sondern seine Neuschaffung oder der endgültige Verzicht auf Sozialstaatlichkeit". Da der Autor im Druck des Weltmarktes auf die Arbeit und ihren Preis sowie in der Steuerflucht von Unternehmen und Kapital die Ursachen für die sozialen Übel unserer Zeit sieht, fordert er eine Umkehr, eine "Revolution" dieses Trends, eine "europäische Zone von Sozialstaaten", abgeschirmt durch Protektionismus und Schutzzölle. Wie das funktionieren soll, versucht er am Beispiel von Importkameras zu verdeutlichen. Wenn man sie mit 30 Prozent Zoll belegt, dann kosten sie 30 Prozent mehr, und das führt zu einem höheren Gewinn, zu höheren Steuern und zu höheren Löhnen. "Höhere Gewinne erlauben wieder höhere Löhne." Nicht zuletzt der Staat werde sich über Schutzzölle freuen, argumentiert Afheldt weiter, kosteten sie ihn doch keinen Cent, im Gegenteil: Sie brächten neues Geld in seine Kasse, mit dem er Steuern senken und Schulden abbauen könne. Nicht nur der deutsche Staat oder die "europäische Zone" werden sich freuen, so mag man nicht ohne Ironie den Gedanken weiterspinnen, sondern auch all jene Länder, aus denen die Importe kommen und in die die deutschen Exporte gehen.

So wirklichkeitsfern, wie seine Analysen der Weltwirtschaft anmuten, ist auch seine Darstellung der sozioökonomischen Lage hierzulande. Der Autor beschreibt Deutschland als ein neoliberales Land, und er meint damit nicht nur die Reformen der letzten Wochen und Monate, sondern die Entwicklung im vergangenen Vierteljahrhundert. Andere dagegen mit einem Blick von außen, wie etwa der Sozialwissenschaftler Gosta Esping-Andersen, haben den deutschen Wohlfahrtsstaat überzeugend als ein "konservativ-korporatistisches Regime" beschrieben, das sich deutlich gerade von den liberalen angelsächsischen Systemen unterscheide.

Wenn das Buch trotz alledem Beachtung verdient, dann aus zwei Gründen: Man darf in ihm einen frühen Hinweis auf eine neuartige Ideenkoalition von links und rechts gegen den stürmischen Wandel und auch gegen eine Entwicklung sehen, die alles ökonomischen Imperativen unterzuordnen bereit ist. Es fällt jedenfalls auf, wie sehr der Autor sich immer wieder auf konservative Autoren wie Alexander Gauland beruft. Wäre es nicht ganz angenehm, wenn man sich einfach aus den politischen und ökonomischen Turbulenzen dieser Welt zurückziehen könnte in ein Refugium, in dem dann alles etwas langsamer und gerechter und harmonischer zuginge? Das ist die romantische Seite des Buches. Die andere, die kritische Seite des Buches nimmt eine wichtige Tradition auf: Auch der globale Kapitalismus muss und wird sich verändern, sich Regeln unterwerfen, die erst noch gefunden und durchgesetzt werden müssen. Aber das wird und würde vermutlich nicht geschehen ohne eine Kapitalismus- und Globalisierungskritik, wie Horst Afheldt sie hier vorgelegt hat, auch wenn sie übers Ziel hinausschießt.

π Horst Afheldt: Wirtschaft, die arm macht