Mit den Siegen über Karthago begründete Rom seine Vormachtstellung im gesamten Mittelmeerraum. Schon den ersten Punischen Krieg (264 bis 241 vor Christus) hatten die Römer erst nach empfindlichen Niederlagen gewinnen können; im zweiten (218 bis 201 vor Christus) erlitten sie nach Hannibals Vorstoß von Spanien nach Italien eine Serie von militärischen Katastrophen, die in der Schlacht von Cannae (216 vor Christus) gipfelten. Dennoch gelang es ihnen, das Kriegsglück zu wenden, sodass sich Hannibal schließlich aus Italien zurückzog und 202 vor Christus von Scipio in Nordafrika entscheidend besiegt werden konnte.

Der zweite Punische Krieg hat immer wieder Historiker, Völkerrechtler und Militärs fasziniert. Die rabulistischen völkerrechtlichen Begründungen der Römer, die als Imperialisten mit notorisch gutem Gewissen angeblich nur "gerechte Kriege" führten, sind vielfach erörtert worden; die Diskussionen über die logistische Leistung Hannibals, ein Heer – wenngleich unter erheblichen Verlusten (auch unter den Kriegselefanten) – über die Alpen zu führen, und über die gewählte Route finden kein Ende; die Schlacht von Cannae ist von Generationen von Generalstäblern seit Alfred von Schlieffen als Mutter aller Kesselschlachten analysiert worden. Die neue Darstellung von Karl Christ informiert auch eingehend über diese wissenschaftlichen Debatten und das Hannibal-Bild in der Neuzeit.

Die antike Überlieferung geht allein auf die römische Sicht zurück; Selbstzeugnisse Hannibals fehlen, die Berichte griechischer Historiker an seiner Seite sind nicht erhalten. Da die Römer ihre Kriegserklärung rechtfertigen und ihre Feldherren von der Verantwortung für Fehlentscheidungen entlasten wollten, schrieben sie Hannibal jene Stereotypen zu, die sie generell auf die "perfiden Punier" projizierten: Grausamkeit, Habgier, Einsatz skrupelloser Kriegslist. Als Persönlichkeit ist Hannibal in diesen Darstellungen nicht zu greifen.

Christs Feststellung, Hannibal sei ein Mann gewesen, "der die äußersten Höhen und Tiefen menschlicher Existenz durchlebte und dabei konsequent und kompromisslos immer derselbe blieb, ein Charakter karthagischer Provenienz, aber universellen Wirkens und Ranges", ist denn auch wenig erhellend. Da sich eine Biografie nicht schreiben lässt, ist das Buch im Wesentlichen eine auf souveräner Materialbeherrschung basierende Geschichte der römisch-karthagischen Beziehungen und des Hannibal-Krieges, in der auch Leser ohne Fachkenntnisse das Problem nachvollziehen können, aus der Überlieferung ein möglichst objektives Bild der Vorgänge zu gewinnen.

Gegen die geläufige Auffassung, Hannibal habe unmittelbar nach Cannae versäumt, durch einen Angriff auf die Stadt Rom die Entscheidung herbeizuführen, stellt Christ heraus, dass für Hannibal sein politisches Ziel, die Auflösung des römischen Herrschaftsverbandes in Italien, vorrangig gewesen sei. Diese Strategie ist letztlich nicht aufgegangen; deshalb hätte man sich eine ausführlichere Erörterung der Frage gewünscht, ob die Annahme, die römischen Bundesgenossen hätten eine Befreiung von ihrer Vormacht gewünscht, eigentlich zutreffend war.

π Karl Christ: Hannibal