Es ist mehr als zwanzig Jahre her, als der Verfasser dieser Zeilen zusammen mit George Mosse bei dem Fotografen Nachum Gidal und seiner Frau Pia während einer heißen und sternenklaren Augustnacht in deren Wohnung in der Jerusalemer Rehov Nili bei einem Abendessen zusammensaß. Bei Tisch gerieten wir uns über Gerschom Scholems damals nicht nur unter Historikern aufsehenerregende Behauptung in die Haare, es habe zu keinem Zeitpunkt so etwas wie eine deutsch-jüdische Symbiose gegeben. Scholem, wäre er dabei gewesen, hätte an diesem Streit seine wahre Freude gehabt.

Nachum Gidal, der damals gerade an seinem Bild-Text-Band Geschichte der Juden in Deutschland arbeitete, verwies in dem ihm eigenen polternden bayerisch-derben Tonfall auf seine Münchner Herkunft. Und der Historiker George Mosse, gerade wieder einmal in Jerusalem, um seinen Lehrverpflichtungen an der Hebräischen Universität nachzukommen, legte Wert auf das Bekenntnis, ein "Jecke" zu sein, also ein in der Wolle gefärbter deutscher Jude, der sich zu seiner Herkunft aus Deutschland bekannte.

Die Lektüre der jetzt in deutscher Sprache vorliegenden Autobiografie des vor nicht allzu langer Zeit verstorbenen Mosse hat bei dem Rezensenten die Erinnerungen an jenen turbulenten Jerusalemer Abend geweckt und in ihm die Ahnung aufsteigen lassen, dass das, was uns damals im Gespräch beschäftigte, nicht ein, sondern das Lebensthema Mosses war. Die Frage, warum es in seinem Leben so und nicht anders kam, ob er nach seinem Selbstverständnis Amerikaner, Deutscher oder ein nirgends Dazugehöriger sei, zieht sich durch alle Kapitel seines lesenswerten Buches.

George Mosses Lebensgeschichte spiegelt exemplarisch die Geschichte des 20. Jahrhunderts in ihren Höhen und Tiefen. 1918 als Enkel des Pressezaren Rudolf Mosse in eine der reichsten und namhaftesten jüdischen Familien Berlins hineingeboren, verbrachte er seine Kindheit in einem exquisiten großbürgerlichen Milieu mit Dienstboten und einem eigenen Chauffeur. Das im Buch abgebildete Mosse-Porträt von Max Oppenheimer ("Mopp") zeigt den Neunjährigen in einer lässig-stolzen Pose, die von einer Welt kündet, die heute unwiderruflich verschwunden ist.

Das Leben des jungen Gerhard, wie er damals noch hieß, spielte sich ab zwischen dem elterlichen Haus in Berlin-Charlottenburg und dem großelterlichen Rittergut im brandenburgischen Schenkendorf. Sein Vater, Hans Lachmann-Mosse, führte ein gastfreundliches Haus, in dem Unternehmer, Politiker und vor allem Künstler verkehrten. Amüsant lesen sich manche anekdotenhaft gefärbten Erinnerungen, wie zum Beispiel die an einen Besuch des sowjetischen Außenministers Tschitscherin, der, im Frack zu einer Einladung erschienen, von dem Sohn des Hausherrn nicht gerade taktvoll gefragt wird, wie ein Kommunist dazu komme, ein so bürgerliches Kleidungsstück zu tragen. Eine Antwort scheint es darauf nicht gegeben zu haben.

Die "Machtergreifung" der Nazis zwang die Familie ins Exil. Die Schwester ging in die Schweiz, Mutter und Vater ließen sich zunächst in Frankreich nieder, und George verließ das Internat in Salem, um nach England zu gehen, wo er in einem Quäker-Internat seine Schulausbildung beendete. Das Schicksal der Mosse-Familie unterschied sich insofern kaum von demjenigen anderer deutsch-jüdischer Familien, die Deutschland 1933 ebenfalls Hals über Kopf hatten verlassen müssen und irritiert und fast etwas hilflos auf den Verlust der Heimat reagierten. Mosse beschreibt sehr treffend Begegnungen in Bahnhöfen und Hotelhallen, wo Flüchtlinge Mitte der dreißiger Jahre herumsaßen und nicht recht wussten, was sie tun und wohin sie gehen sollten.

Bereits damals begann es ihm zu dämmern, dass er eine Außenseiterrolle einnahm, einmal als jüdischer Flüchtling, zum anderen aber auch seiner homosexuellen Veranlagung wegen. In seiner Autobiografie bezeichnet er beides als "Grundtatsachen meiner persönlichen Existenz", über die er zunächst nicht in der Lage war, offen zu reden. Mit seinem Judentum habe er sich zwar nach seiner Übersiedlung in die Vereinigten Staaten "freudig" zu versöhnen gelernt, anders, so bekennt er, habe es sich jedoch mit seiner Homosexualität verhalten.