Als Mensch unter Schafen sollte man nicht zwischen dem Widder und der Herde stehen. Myc Riggulsford weiß das, seit er vor ein paar Jahren seine ersten Exmoor-Schafe auf die Wiese brachte. Der Widder raste auf ihn zu und rammte ihm die Spiralhörner in die Schienbeine. Der Hobby-Schafhirt hatte Glück. Er konnte aufstehen und davonhumpeln. Heute weiß er, wie man mit Widdern umgeht.

Riggulsford ist ein Mann zwischen den Fronten. Geraten Wissenschaftler und Bevölkerung aneinander wie aggressive Tiere, klingelt auf seinem Ökohof in der westenglischen Provinz Devon das Telefon. Universitäten und Forschungsinstitute rufen den Waliser zu Hilfe, wenn Greenpeace, militante Tierschützer oder Gentechnik-Gegner sie bedrängen. Mit seiner Frau Jenny betreibt Riggulsford ein Zweipersonenbüro für Wissenschafts-PR, das Walnut Bureau. Seit 20 Jahren bringt er Forschern bei, wie man Presseerklärungen schreibt, Fernsehinterviews gibt, Podiumsdiskussionen übersteht. Die EU-Kommission, die Klonforscher von Dolly und der Wellcome Trust, die weltweit größte Stiftung für Medizinforschung, gehören zu seinen Kunden. Die Pionierarbeit in der Wissenschaftskommunikation hat Riggulsford einen Eintrag im Who’s who in the World beschert. Und eine Menge Ärger.

Als er im Auftrag von 95 Stiftungen Tierversuche für die medizinische Forschung verteidigte, legte er sich mit der Animal Liberation Front an. Tierversuchsgegner schickten ihm Morddrohungen. An seinem Auto musste ein Bombendetektor installiert werden. Die Wissenschaftler waren längst zu sehr eingeschüchtert, um sich öffentlich zu äußern. Riggulsford besorgte sich die Flugblätter, die Tierfreunde an Schulen schickten. Eines zeigt einen Katzenkopf in einer Art Schraubstock sowie ein Kind mit verkrüppelten Armen. Contergan, eines von vielen Beispielen für fehlerhafte Tierversuche, suggerierte der Text. Tatsächlich wurde Contergan jedoch an trächtigen Mäusen gerade nicht ausreichend getestet. "Tierversuche sind etwas Schlimmes. Aber noch schlimmer sind Tierversuchsgegner, die zwölfjährige Kinder belügen", sagte Riggulsford fortan in jedes Mikrofon und in jede Kamera.

"Wenn Wissenschaftler diskutieren, verlieren sie sich in Details", sagt er. Außerdem vermeiden sie, zuzugeben, dass die Tiere leiden. Ein Fehler. Stattdessen sollten sie offen sagen: Es gibt Schmerzen, und für manche medizinischen Tests sind Tierversuche überflüssig. "Wer seine eigenen Fehler nie eingesteht, wird die andere Seite nicht überzeugen."

Nachhilfestunden für Professoren

Heute ist Riggulsford nach Swindon gefahren. Er sitzt in einem Seminarraum des Natural Environment Research Council (Nerc). Die Organisation finanziert die Umweltforschung in Großbritannien, darunter die jüngsten Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Rüben, Mais und Raps. Sechsmal im Jahr schult Riggulsford Nerc-Wissenschaftler im Umgang mit Journalisten. Die ersten Forscher trudeln ein. Sie treffen auf einen Seminarleiter in altmodisch grünem Jackett und mit einer Fliege in Schottenmuster. Unter seinen Fingernägeln klebt ein bisschen Dreck von der Arbeit auf dem Hof. Noch ist Zeit für Tee und Kekse.

Nachhilfe in Science Communication ist für britische Professoren und Doktoranden nichts, wofür sie sich schämen. Im Gegenteil. Der Dialog mit der Öffentlichkeit gehört zur Tradition. Organisationen wie die Royal Institution kümmern sich zum Teil seit Jahrhunderten darum, Wissenschaft unters Volk zu bringen. Jedes Jahr beteiligen sich Forscher aus dem ganzen Land an der National Science Week, einer landesweiten Aktionswoche der wissenschaftlichen Institutionen. Viele Förderorganisationen und Stiftungen ermuntern ihre Mitarbeiter, einen Teil der Forschungsmittel für Öffentlichkeitsarbeit auszugeben, das Nerc gestattet bis zu zwei Prozent. "Die Wissenschaftler sollen den Leuten erklären, was sie mit den Steuergeldern anfangen", sagt Nerc-Sprecherin Sheila Anderson, die gemeinsam mit Riggulsford die zweitägigen PR-Seminare leitet, "und wir zeigen ihnen, wie das geht." Myc sei dafür ein guter Trainer. "Er ist ein Energiebündel und versprüht Enthusiasmus."

Vor drei Jahren vollzog die britische Wissenschafts-Popularisierung eine radikale Wende. Früher predigte man public understanding of science. Wenn das Volk unsere Wissenschaft versteht, wird es für uns sein, lautete die Devise, die in Deutschland noch viele Anhänger hat. Erschöpfende Abendvorträge über die wundervolle Welt der Wissenschaft waren die Folge. Volkshochschule für alle. Doch Neugier und Faszination für Wissenschaft ist nur die eine Seite. Gegenüber Gentechnik und Rinderwahn-Forschung blieb die Bevölkerung misstrauisch. Im Jahr 2000 erklärte die britische Regierung das public understanding- Konzept für gescheitert. Heute reden alle von science and society und Wissenschaft im Dialog. Die Menschen sollen bei heiklen Forschungsthemen mitreden.