Meine Generation war nicht vorgesehen, mich sollte es nie geben", sagt Ydessa Hendeles. Sie sagt es ohne Vorwurf und ohne Groll, einfach, weil sie immer noch darüber staunt, dass es sie trotz alledem gibt und dass sie jetzt hier ist, in München, im Haus der Kunst, wo einst Adolf Hitler seinen Feldzug gegen die "Entarteten" ausrief. Nicht ohne Stolz schreitet sie durch die weiten Hallen, die sich der Führer hatte errichten lassen und die jetzt für einige Wochen ihr gehören, ihrer Ausstellung.

Ydessa Hendeles ist Kunsthistorikerin, Kuratorin, eine große Sammlerin, vor allem aber ist sie Ydessa Hendeles. "Viele Ausstellungsmacher verstecken sich ja hinter Thesen und Themen", sagt sie. "Doch mein Ich draußen lassen, das könnte ich nicht." Und so bergen alle Bilder und Skulpturen, die ihr gehören, etwas von der Geschichte der Ydessa Hendeles. Ihre Ausstellung gleicht einer persönlichen Erzählung. Und die Eröffnung wird zur Sache der Familie.

Sogar bei der Pressekonferenz ist ihr Sohn zugegen und auch ihre Mutter, die über 50 Jahre lang nicht nach Deutschland hatte kommen wollen. Sie und ihr Mann, beide polnische Juden, waren nach Auschwitz verschleppt worden, und überlebten nur, weil sie so gut nähte und eine Wärterin an ihr Gefallen fand. Nach dem Krieg zogen sie nach Marburg, wo Ydessa 1948 geboren wurde, und dann weiter nach Kanada. Sie wollten etwas Neues beginnen, die alten Ängste aber blieben. "Auffallen, das war streng verboten", erzählt Hendeles. Auch in Toronto wurde die Familie vom Antisemitismus eingeholt, und auf der Schule hänselte man die kleine Ydessa wegen ihrer jüdischen Abkunft. Das machte sie nur umso ehrgeiziger. Sie übersprang mehrere Klassen, brillierte am Klavier und am Cello und begeisterte sich für Malerei. "Jedes Wochenende ging mein Vater mit mir ins Museum", sagt sie. "Es war für mich ein Ort der Geborgenheit."

Ansonsten spürte sie vor allem Verlust. "Fast die ganze Verwandtschaft war tot, die Heimat weg und die Sprache auch. Sie glauben gar nicht, wie sehr man sich da nach alten Familienalben sehnen kann. Doch auch die waren natürlich weg." Als eine Art Ersatz hat sie in letzten Jahren ein globales Fotoalbum zusammengetragen, mit über 3000 Bildern, aufgegabelt im Internet bei eBay, und auf allen sind Menschen mit Teddybären. Gleich zwei Räume im Haus der Kunst sind damit gepflastert, und mittendrin im Panorama der Knuddeligkeiten drei Babyfotos ihrer selbst. Zumindest dies eine Mal gehört Ydessa Hendeles ganz selbstverständlich dazu, ist Teil der Erfolgsgeschichte, die der Kuschelbär seit seiner Erfindung 1903 erlebte.

"Für mich ist das eine Geschichte der Zähmung", sagt Hendeles. "Kinder werden gezähmt, sie sollen ihr schönstes Fotogesicht aufsetzen. Und der Bär ist gezähmt, denn eigentlich ist er ja ein furchtbares Urtier. Warum tritt er plötzlich als plüschiger Beschützer auf? Ist doch merkwürdig, oder?" Noch merkwürdiger wird es gleich hinter der Bärenschau, in einem Raum, in dem nichts steht und nichts hängt. Nur ein kleiner Mensch kniet auf den kalten Fliesen, das Haar brav gescheitelt, die Füße in Bergstiefeln. Wir nähern uns vorsichtig, und mit einem Mal stiert er uns an, mit einem Hitler-Gesicht, von Bitterkeit zerdellt.

"Hitler war ja lange so eine Art Teddybär der Deutschen", sagt Hendeles. "In seinem Unwesen sahen sie den Beschützer." Hier aber, in der Skulptur von Maurizio Cattelan, drehen sich die Rollen um: Hitler ist das einsame Kind im weiten Raum, das unseren Beschützerinstinkt weckt, auch wenn die Abscheu groß ist. Ydessa Hendeles liebt solche untergründigen Bewegungen, sie stellt Erinnerung neben Auslöschung, appelliert an die Kitschlust und serviert im nächsten Augenblick ein Monster. "Für mich lebt eine Ausstellung aus den Erfahrungen des Augenblicks", sagt sie. "Das ist keine theoretische Sache, nichts, das man in einem Katalog konservieren könnte." Lieber lässt sie sich von ihren Intuitionen leiten, von einer Vorliebe für besessene Künstler wie Hanne Darboven, Bruce Nauman oder Jeff Wall. "Die Kunst muss an unserem Unterbewusstsein saugen", sagt sie – und hat damit erstaunlichen Erfolg.

Schon ihre erste Galerie galt bald als das kanadische Zentrum der zeitgenössischen Kunst. Als dann 1987 ihr Vater starb, ein reicher Immobilienhändler, und sie mit seinem Vermögen eine Stiftung aufbauen konnte, da wurde man auch international auf sie aufmerksam und rühmte ihre Andersartigkeit. "Männer sammeln eher Trophäen", sagt sie. "Denen geht es um Werke, mit denen sie protzen können." Sie selbst sammelt nur, was sie anrührt. Und das können auch mal Blechspielzeuge oder Teddyfotos sein. Oder große Silberringe, von denen sie gleich mehrere trägt: den Ehering ihres Vaters, einen jüdischen Hochzeitsring und auch Künstlerringe. Merkwürdig bewaffnet sehen ihre Hände damit aus, als trüge sie eine Rüstung, die sie schützt und lähmt. Als sei das Leben für sie eine Lust und ein Kampf.

Alles an ihr wirkt ungestüm und erschöpft zugleich, ihr dünnes Haar weht ihr hexenrot um die Schultern, ihr Gesicht ist zerfurcht, der Mund verzogen. Erst als sie über ihre vielen Ausstellungen spricht, entspannen sich die Züge. Sie redet über die Künstler wie über Freunde. "Für mich war die Kunstszene immer eine Familie", sagt sie. "Eine Ersatzfamilie." Schon damals war das so, als sie an der Akademie studierte. Und auch heute, wo sie längst zu den einflussreichsten Sammlern Nordamerikas zählt, ist für sie die Kunst ein bergendes Gegenüber.