Washington

Seit ihrer Heimkehr nach Palestine, West Virginia, ist Jessica Lynch dort nur selten gesehen worden. Einmal, als sie ins Nachbardorf wollte, um bei "Mom’s Place" Schokoladenkuchen zu kaufen. Einmal, als sie bei einem Football-Spiel ihrer alten High School die amerikanische Flagge am Mast aufziehen durfte. Und noch einmal, als sie zur Kirmes gefahren wurde, um sich die Kür des "niedlichsten Babys" anzuschauen.

Meistens sitzt die Gefreite Lynch im Rollstuhl oder sie geht auf Krücken. Sieben Monate sind seit ihrer Verwundung, Gefangennahme und Befreiung im Irak vergangen, doch immer noch kann sie höchstens 40 Schritte gehen. Arme und Beine, vielfach gesplittert, wachsen nur langsam wieder zusammen. Erst vor zwei Monaten wurde die Stahlklammer abmontiert, die das linke Schienbein stützte. Lynch ist immer noch spindeldürr.

Bis zur Kür des "niedlichsten Babys" zu gehen, schaffte sie nicht. Als ihr Vater sie vor dem Kirmesplatz in den Rollstuhl setzte, kam ein höflicher Herr auf sie zu und fragte: "Darf meine Frau sich mal neben Sie stellen, damit ich ein Bild machen kann?" Jedes Mal, wenn Jessica Lynch das Haus ihrer Eltern verlässt, begegnet sie ihrem zweiten Ich. Jenem Bild, das sich Freunde und Nachbarn, ja, viele ihrer Landsleute während ihrer Abwesenheit von ihr gemacht haben. Sie erlebt, dass sie nicht mehr Person ist, sondern Ikone. Die "Mona Lisa der ,Operation Irakische Freiheit‘" nennt sie die New York Times. Sie trägt das am häufigsten erklärte und doch rätselhafteste Lächeln Amerikas.

Auf dem Parkplatz ist Lynch binnen Sekunden von Menschen umringt, die nichts anderes wollen, als sie anzuschauen oder zu berühren – so, als gingen heilende Kräfte von ihr aus. Kameras klicken, alte Frauen sagen: "Gott schütze Sie." Eine Kind fragt: "Mama, ist dies das Mädchen aus dem Fernsehen?" Und immer wieder hört sie: "Jessica, Sie sind eine Heldin." Lynch, auf dem Weg zu den "niedlichsten Babys", ist zum zweiten Mal gefangen, diesmal im Kreise ihrer Bewunderer.

Diese Episode findet sich in einer von Lynch autorisierten Biografie, die seit Dienstag in Amerikas Buchläden liegt (I am a Soldier, too – The Jessica Lynch Story). Monatelang war es still um die 20-jährige Soldatin, deren nächtliche Befreiung aus einem südirakischen Krankenhaus der Welt als grün schimmerndes Pentagon-Video vorgeführt worden war. In dieser Woche gehen die Jessica-Festspiele in ihre zweite Phase. Nun gibt es das Buch. Und den Film zum Buch (vergangenen Sonntag unter dem Titel Saving Jessica Lynch auf NBC). Und Ende der Woche auch die Interviews zum Film zum Buch.

Was damals im Südirak tatsächlich geschah, behaupten einige der Veröffentlichungen nun klären zu können. Das dürfte nur neuer schöner Schein sein. Denn was ist schon die Wahrheit einer Geschichte, die von allem Anfang im Grenzbereich zwischen Fakten und Fiktion lag? Die, tausendmal wiederholt und dauernd abgewandelt, schließlich ein Eigenleben annahm und zu einem zentralen Epos des Krieges wurde. Dessen Interpretation ist längst so bedeutsam wie die faktische Grundlage. Deshalb erzählt die Ikone mit dem Markennamen "Jessica Lynch" mehr über die Wahrnehmung an der Heimatfront als über den Irak. Die Wendungen ihrer Geschichte symbolisieren die Stimmungsschwankungen in Amerika.

Die erste Version der Lynch-Saga war jene frohe Botschaft, nach der eine Nation dürstete, deren Truppen gerade im irakischen Wüstensand festsaßen: Eine Heroine von der Küchenkompanie feuerte in aussichtsloser Lage wie Rambo auf den männlichen Feind, wurde – schwer verletzt – gefangen genommen und Tage später von eigenen Leuten, die eine der ihren bekanntlich nie in Feindesland zurücklassen, gerettet. Jessica Lynch, 507. Versorgungseinheit, Prototyp des tapferen GI, schien die Vorbotin eines bevorstehenden Durchbruchs nach Bagdad zu sein. Die Moritat von der blonden Kampfmaschine war eine Metapher für die Sieghaftigkeit des Krieges.