Das kleine Fach der Rechtsmedizin mit seinen rund 350 Wissenschaftlern kämpft gegenwärtig ums Überleben. Seit die öffentlichen Mittel auch an den Hochschulen knapp werden, versuchen die Bildungs- und Wissenschaftsministerien der Bundesländer immer wieder, rechtsmedizinische Universitätsinstitute abzuschaffen, Lehrstühle für Rechtsmedizin zu kippen und die Zahl der Forscher zu reduzieren. So hatte das Land Nordrhein-Westfalen im Jahr 2000 beschlossen, vier seiner sechs rechtsmedizinischen Institute abzuschaffen, nur die Lehrstühle in Köln und Münster sollten erhalten bleiben.

Der Plan misslang, weil die Öffentlichkeit frühzeitig aufmerksam wurde und daraufhin einsetzende Proteste die Schließungen verhinderten. Allein der Standort Aachen war nicht mehr zu retten. Nun sind weitere deutsche Institute von Abschaffung betroffen oder bedroht (siehe Karte).

Dass der deutsche Wissenschaftsbetrieb glaubt, auf die Rechtsmedizin verzichten zu können, liegt vor allem an der Zwitterstellung dieses Faches zwischen Medizin und Jurisprudenz. Rechtsmedizinische Forschung und Dienstleistung orientieren sich fast ausschließlich an den Bedürfnissen von Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft und Gericht. In Zeiten des knappen Geldes sinkt daher die Bereitschaft der Universitäten, Lehrstühle zu finanzieren, die hoheitliche Aufgaben erfüllen, bedarfsabhängig forschen und dabei vergleichsweise wenig erwirtschaften.

Dass die Rechtsmedizin ein unerlässlicher Faktor des Gemeinwohls ist, dass durch sie Morde, Gewaltverbrechen und Kindsmisshandlungen aufgedeckt werden, dass durch rechtsmedizinische DNA-Analysen Kapitalverbrecher gefasst werden, zählt im Verteilungskampf der medizinischen Disziplinen wenig. Dazu kommt, dass die Patientengruppe der Rechtsmedizin besonders wenig durchsetzungsfähig ist. Es handelt sich ausschließlich um Opfer – oft sind sie schwer traumatisiert oder tot.

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