Saudi-Arabien, nach dem 11. September als Terror-Exportland angeprangert, ist selbst zum Terror-Ziel geworden. Innerhalb von nur sechs Monaten erschütterte ein zweiter verheerender Anschlag das Königreich. Diesmal starben mindestens 17 Menschen, weit über hundert wurden verletzt. Das Selbstmordattentat vom Wochenende hat vor allem arabische Ausländer in Riad getroffen. Der Anschlag zielte jedoch auf die saudische Königsfamilie, die Stabilität des ölreichen Landes, seine Verbindungen nach Westen und insbesondere nach Amerika. Vorige Woche erst hatte Präsident George Bush Saudi-Arabien für seine zaghaften Bemühungen um Demokratisierung gelobt. Zwei Tage später ging die Bombe hoch.

Längst zeigt die saudische Regierung bei der Terroristensuche nicht mehr mit dem Finger nach außen. Nach dem Anschlag vom 12. Mai eröffneten die Sicherheitsministerien die Gegenoffensive im Innern. Seither halten saudische Zeitungen ihre Leser mit Meldungen wie diesen bei Laune: Spezialkräfte heben ein Nest von Gewalttätern aus, Polizisten liefern sich Schusswechsel mit Bombenwerfern, Antiterror-Einheit verhaftet Attentäter auf frischer Tat beim Bombenlegen. Manche Berichte klingen wie Meldungen über Ernteerfolge im Spätsozialismus. Aber es ist nicht daran zu zweifeln: Das Regime nimmt die Bedrohung ernst, ist es doch selbst bedroht. Aber tut das Königshaus genug? Wie denken seine Feinde? Was speist die Wut auf das Haus Saud und auf den Westen?

Eine Antwort findet sich vielleicht im Gespräch mit zwei Islamisten aus Riad. Beide verabscheuten den Westen. Beide wollten das Regime stürzen. Beide saßen jahrelang im Gefängnis. Heute arbeitet der eine als Journalist, er ist zum Kritiker und Gegner der gewalttätigen Islamisten geworden. Der andere unterstützt die Islamisten bis heute. Nicht mit Gewalt, aber immerhin mit Worten.

Mohammed hat den Vereinigten Staaten nichts verziehen. Vor einigen Jahren schrieb er einen Artikel Warum ich die USA hasse, in dem er gelobte, seinen Sohn den Zorn zu lehren. Das ist umso bemerkenswerter, als Mohammed an der Universität Kansas seinen Magister machte und an der Wells-Universität einen Doktortitel erwarb. In einem Café in Riad erklärt er bei einem Becher amerikanischen Kaffees, was ihn an Amerika so ungemein stört. "Die USA schauen auf unsere Kultur herab, sie greifen unsere Haltung an, unsere Traditionen." Deshalb, sagt er, haben sie ein muslimisches Land besetzt – den Irak.

Die US-Interventionen in der muslimischen Welt seien der Treibstoff, der gewalttätige Islamisten antreibe, sagt Mohammed mit eindringlicher, heiserer Stimme. "Die amerikanische Regierung ist direkt verantwortlich für die Selbstmordattentate. Sie wollen uns Demokratie beibringen und verachten unsere eigene demokratische Ordnung: die Schura-Räte. Sie wollen unser Erziehungssystem umkrempeln, die Religionspolizei abschaffen." Also besser gar keine Veränderung? "Doch, wir ändern uns, aber nach unserem Zeitplan, in unserem Rahmen, nach unseren Werten." Mohammed hat drei Computer zu Hause und betet fünfmal am Tag. Seine Frau lehrt an der Universität und führt das Haushaltsbuch auf dem PC, aber: "Ihr Schleier ist Ausdruck von Bescheidenheit. Modernität ist keine Frage der Kleidung, sondern des Geistes."

Mohammed hatte viel Zeit, über die politische Zukunft seines Landes nachzudenken. Die saudischen Justizbehörden sperrten den jungen Islamisten von 1994 bis 1999 in Riads Al-Hayer-Gefängnis ein. Sein Vergehen: "Widerstand gegen staatliche Behörden und Bedrohung der Stabilität des Landes". Hat er dem Regime verziehen? "Das Königshaus steht unter starkem Druck der Amerikaner." Mehr sagt Mohammed nicht. Braucht das Land noch einen König? Mohammed weicht aus. "Das Haus Saud zieht seine Legitimität aus der Religion. Es kontrolliert das Land im Namen des Islams. Das ist gut so." Die Religion, sagt Mohammed, durchdringe alle Lebensbereiche, sie bestimme alles und vor allem ihn persönlich: sein Verhältnis zu seiner Frau, zur Gesellschaft, zum König. "Wir haben eben keine Sonntagsreligion", sagt er spöttisch. Deshalb hört Mohammed keine Musik, die islamische Moral verhöhnt, deshalb sieht er keine Filme aus dem Westen.

"Wir wollen keine Sklaven sein"

Sind die Anschläge also religiös gerechtfertigt? "Religiöse Menschen werden vom Westen und zunehmend auch bei uns in eine Ecke gestellt. Sie wehren sich einfach. Das ist einem Muslim nicht verboten", sagt Mohammed. "Wissen Sie, wie immer mehr Religiöse denken? Wenn die Amerikaner kommen, um unser Leben zu ändern, werden wir sie im Dschihad töten. Wir wollen keine Sklaven sein." Aber die Anschläge in diesem Heiligen Krieg treffen meistens Araber. Mohammed nickt: "Wenn sie Verbündete der USA sind." Wird die Regierung den Terrorismus in den Griff bekommen? "Sie können einzelne Gewalttäter verhaften", sagt Mohammed. "Sie können Kontrollpunkte errichten und das ganze Land durchforsten. Aber eines können sie nicht wegsperren: Ideen."