Der Aufschlag kam täuschend sanft. Das Titelbild – ein Stillleben, Weinkaraffe an Baguette mit Blumen. Darauf – nur ein Wort: Manieren, nicht mehr als ein kleines "Plop" im Getöse dieses Bücherherbstes. Und an der Grundlinie setzte heftiges Gestikulieren ein. Interview im Spiegel, Vorabdruck hier, Rezension dort, ja selbst ein Reporter der einst so verlässlich links anmutenden Frankfurter Rundschau eilte zum Interview mit dem Autor und ließ sich gefährlich weit nach vorne locken: "Herr Asserate, wie soll, wie darf ich Sie denn anreden?"

Ja, was kann, was mag denn, unterwürfigst gefragt, hier los sein? Ein Mann schreibt ein Buch, nach dem niemand verlangt hätte, aber nun, da wir es haben, bricht in uns so etwas wie eine Sehnsucht auf, man könnte sagen: ein Hunger – nach Unterricht in den Fächern Höflichkeit, Dezenz und, ja, in Rücksichtnahme. Erteilt von einem, der aus Afrika kommt. Sollte man es Fortschritt nennen? Oder ein erstes Anzeichen einer vom Trendforscher prognostizierten Lifestyle-Welle im Fünfziger-Jahre-Retro-Look?

Asfa-Wossen Asserate ist ein Großneffe des legendären Kaisers Haile Selassie, weshalb er hierzulande gerne mit einer für ein demokratisches Staatswesen interessanten Wollust als "der äthiopische Prinz" vorgestellt wird. Seit Mitte der siebziger Jahre, als die Kommunisten in Addis Abeba die Macht an sich rissen, lebt er im Exil. Heute übt Asserate in Frankfurt am Main den Beruf des Unternehmensberaters aus, in einer früheren Beschäftigung war er Pressechef der Messe Düsseldorf, beides sicher keine unehrenhaften Tätigkeiten, wenn auch ohne jenes Flair, das eine Kompetenz in der Verfertigung eines Buches über Manieren vermuten ließe. Nun, Asserate schreibt als einer, der Einblick hat. In uns, aber von außen. Er ist ein Besucher von weit her, der Ethnologe mit dem klaren Blick, zugleich ein nachsichtiger Freund, der uns ein wenig schonen möchte – oder etwa sich, vor unseren Grobheiten?

Erzogen in den Ritualen der afrikanischen Aristokratie, hat Asserate in Cambridge studiert, Jura, Geschichte. Und nebenbei die hohe Schule der Etikette, die sich aus der jahrhundertealten Tradition der Klöster speist, natürlich auch aus der des imperialen Gouvernements, und in Großbritannenen nicht selten gewürzt ist mit Nonchalance, Esprit – und einem Hauch von Exzentrizität. Eine Etikette, die ihm zur zweiten Natur geworden ist, natürlich! Die Semester im Tübingen der 68er-Tumulte scheinen Asserate weniger geprägt zu haben. Das Foto des Autors zeigt einen Herrn in Nadelstreifen, kostbares Einstecktuch, Krawatte mit Ornament. So spielt er die Karte des Dandys. Weshalb sein Buch Manieren als Plauderei daherkommt, als köstliche Unterhaltung, jedenfalls alles andere bietet als einen Kanon mit komplizierten Verhaltensvorschriften, wie sie üblicherweise hierzulande verordnet werden, als Paukvorlage, als müssten Benimmregeln so unangenehm sein wie unregelmäßige Verben. Der Mann schreibt elegant und witzig, auf Deutsch. Man könnte sagen, Englischer kann ein auf Deutsch geschriebenes Buch kaum sein.

Asserate erzählt von sich und aus aller Welt, zitert mal Jean Paul, dann Saki, berichtet von Clark Gable, der das Unterhemd für verzichtbar hielt, streift die Bauernkriege, erwähnt Fresskörbe, verneigt sich vor dem Adel und gibt sogar dem "Malheur" ein eigenes Kapitel. Das Buch Manieren ist eine formvollendete Geste, die aufs charmanteste überspielt, worauf sie hinweist: dass die deutsche Gesellschaft ein solches Buch bitter nötig hat. So etwas steht da natürlich nicht. Zu solcher Deutlichkeit lässt sich Asserate höchstens mal in einem Interview hinreißen. "Seit ich in Deutschland bin, beobachte ich, dass Umgangsformen hier nicht im Vordergrund stehen", wird er mit subtiler Ironie anmerken.

Manieren, im Sinne Asserates interpretiert, haben nichts mit jener Aquirierung wahlweise Demonstration von Überlegenheit zu tun, mit der hierzulande die so genannten höheren Schichten sich gern abgrenzen von denen, die angeblich keine Manieren haben. Oder, Variation dieser arroganten Spielart, die sie für nicht wert erachten, in den Genuss der Ausübung ihrer feiner Manieren zu kommen – jene Nichtswürdigen, die man getrost schneiden darf, um sich die eigene Erhabenheit zu bestätigen, an die man auch das Wort nicht richtet, selbst wenn sie beim Diner einem zur Seite platziert werden. Die man womöglich auch mal vorführt, als Trottel. Eine Abhandlung über Manieren, darauf beharrt Asserate in einer so freundlichen Art, die es dem Adressaten gerade noch erlaubt, ohne Gesichtsverlust im Gespräch zu bleiben, habe sich nicht mit dem zu befassen, "was schön wäre, wenn wir vollkommen wären, sondern mit den Möglichkeiten, von unserer Hinfälligkeit abzulenken. Manieren sind das Parfum, das vergessen läßt, daß wir stinken."

Was also stinkt hierzulande? Nun, der Autor hat den Eindruck, "es stehe jedermann hier unter großem inneren Druck". Etwas ist zu beweisen. Er konstatiert ein Bemühen, sich "unablässig ins rechte Licht zu setzen durch die gerade passenden Menschen, Sachen und Meinungen" und alles, was zu diesem Vorteil nicht gereicht, als wertlos zu erachten. Man könnte sagen, er beschreibt die soziale Gier des Aufsteigers. Dieses Sich-immerfort-und-zu-allem-berechtigt-Fühlen, das sei einer "der niedrigsten Geisteszustände überhaupt". Es entspricht dem Drang, sich aufzurichten, durch Herabsetzung des anderen. Es geht Asserate um den ständigen Soupçon gegenüber dem angeblichen Kleinbürger. "Ein Gespenst geht um in der klassenlosen Gesellschaft Deutschlands: die Angst, für kleinbürgerlich oder spießig gehalten zu werden. Alles, nur das nicht", schreibt er mit ungewöhnlicher Schärfe. Er widmet dieser Sache das Kapitel: Lob des Spießers . Der Spießer, sagt der Autor, sei doch wenigstens auf Form bedacht, dies schon eine kleine Erleichterung in einem Land, in dem es sich nicht wenige in "Unisex-Freizeitkleidern" bequem gemacht haben, leider zu jeder Gelegenheit.