Sie sind überall, die schönen bunten Bilder – marktschreierisch laut oder geheimnisvoll verschlossen buhlen sie um unsere Aufmerksamkeit. Im Alltag, in der Werbung, in den Medien. Und nicht mal in der besten aller Welten kann man ihnen entkommen: In der Kunst hat sich die Fotografie längst ihren festen Platz gesichert. Mit Macht hatte sie in den neunziger Jahren die Dämme der Kunstwelt gebrochen und drohte alles zu überschwemmen, mittlerweile hat sie sich in Seen und Flüsse gefügt und lässt auch anderen Gattungen wieder ihr Terrain. Doch an ihr vorbei kommt man nicht.

In der Vergangenheit wurde versucht, die "angewandte" Fotografie (Reportage, Mode, Dokumentation) gegen die "freie" künstlerische Fotografie abzugrenzen – doch was, wenn Künstler wie etwa Bernd und Hilla Becher die Dokumentation von historischer Industriearchitektur zu ihrem künstlerischen Projekt machen oder der ausgefuchste Modefotograf Wolfgang Tillmans mit seinen Bildern den Galerieraum erobert? Man hat Fotografen, die Kunst machen, versucht zu trennen von Künstlern, die fotografieren. Aber wie eigentlich? Um attestierte Akademiesemester schert sich heute keiner mehr. Schon längst unterscheidet etwa der große deutsche Fotograf, Kenner und Sammler F. C. Gundlach überhaupt nur noch zwischen guten Bildern und weniger guten.

Kunst und Fotografie – das ist seit über 160 Jahren eine verhängnisvolle Affäre, geprägt von gegenseitiger Anziehung und Befruchtung ebenso wie von Rivalität und Vormachtsansprüchen. Dieses Beziehungsknäuel sucht der englische Fotografietheoretiker David Campany im einleitenden Essay zu Art and Photography zu entwirren. Acht Schneisen hat der Autor durch das Material geschlagen. Die Kapitel können motivisch begründet sein, etwa wenn der städtische Alltag untersucht wird oder wir die Natur durch die Brille der Zivilisation betrachten. Sie können den besonderen Charakter des Mediums reflektieren, so gilt ein Kapitel dem reproduzierenden Charakter der Fotografie, ein anderes thematisiert den "Blick" schlechthin. Der Autor springt also zwischen den Kategorien seiner Systematik. Schon diese Gliederung macht klar, dass es sich hier nicht um eine methodisch präzise Untersuchung handelt, wie dies etwa Graham Clarke in seiner fesselnden Analyse The Photograph leistete, die vor einigen Jahren bei Oxford University Press erschienen ist. Campany bietet einen höchst anregenden Überblick, dessen Gehalt und Erkenntnisangebot vor allem in der inspirierenden Gegenüberstellung der Werke und Texte liegt.

Er setzt in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an und damit an einem Zeitpunkt, an dem gerade das "Unkünstlerische" die Künstler reizte. Die Kamera war für sie ein neutraler Begleiter etwa bei Performances, nur ein Instrument zur Erforschung und Dokumentation. Mit ihr untersuchten sie den metaphorischen Körper der Gesellschaft und ganz unmetaphorisch ihren eigenen. In der Geburtsstunde der Konzeptkunst findet die Kamera eine zentrale Aufgabe, die sie bis heute verfolgt: nicht schöne Bilder zu machen, sondern das Machen von Bildern – von schönen, hässlichen, wahren, verlogenen, verführerischen, abstoßenden – und sie zu reflektieren.

Themes and Movements heißt die Reihe des Londoner Prachtbandproduzenten Phaidon, in der zentrale Themen der Kunst der letzten Jahrzehnte zusammengefasst werden: zu Minimal, Land und Concept Art, zu feministischer Kunst und zum Einsatz des Körpers für die Kunst. Nicht chronologisch aufgefädelt, sondern sachlich verklammert sind die einzelnen Themen, die alle von der Gegenüberstellung von Werk und Kommentar leben, letztere platzieren das jeweilige Werk in einen größeren Zusammenhang. Eingeleitet werden diese klug konzipierten Bildstrecken durch einen Essay, der nach vorn und zurückschaut und die thematischen Schwerpunkte verknüpft.

Man trifft 150 Künstler, dazu 25 Autoren

Im Zentrum der schön ausgestatteten Bände stehen zwar die Abbildungen, doch gut ein Drittel nimmt die Dokumentensammlung ein, eine Auswahl von Essayausschnitten, Interviews, Künstlerschriften, Manifesten und Werkbetrachtungen, die so etwas wie den diskursiven Hintergrundsprospekt darstellen und zum Querdenken anregen. Der Dokumententeil von Art and Photography ist dabei sowohl für den Einsteiger interessant, da die Basics – von Benjamin über Barthes bis Baudrillard – kompakt zusammengefasst sind, als auch für den Kenner, der hier entlegen publizierte Quellen findet – etwa einen aufschlussreichen kleinen Artikel über forensische Fotografie.