Wie viel Gott verträgt ein Buch über das Universum? Gar keinen, dachte sich Martin Rees vor sechs Jahren, als er Vor dem Anfang – eine Geschichte des Universums schrieb. Der Schöpfer kam darin nicht vor, nur nüchterne Naturwissenschaft, gut erzählt. Martin empfinde offenbar Unbehagen beim Begriff "Gott", frotzelte Stephen Hawking damals im Geleitwort. Wer das neue populärwissenschaftliche Kosmologie-Buch von Martin Rees zur Hand nimmt, traut seinen Augen nicht. Hier schaffte es der Allmächtige sogar in den Untertitel: Hatte Gott eine Wahl?, fragen Autor und Verlag. Sie paraphrasieren eine Frage von Albert Einstein: Hätte Gott die Welt anders erschaffen können?

Bei Einstein wie Rees ist das nur ein rhetorischer Kunstgriff, der Grundsatzfragen auf den Punkt bringt: Warum ist das Universum, wie es ist? Warum ermöglichen die Naturgesetze Leben? Weshalb gibt es überhaupt etwas und nicht nichts? Große Fragen, aber Martin Rees, Professor für Astronomie in Cambridge, ist auch ein großer Denker. Bekannt wurde er durch seine Theorie, wie Sterne entstehen. Sogar ein Planet wurde nach ihm benannt. Weil er vor den Gefahren von Atomkrieg und Biowaffen warnt, verkörpert er in Großbritannien den Typus des verantwortungsbewussten Forschers. Die englische Queen adelte Rees 1995, britische Journalisten reden ihn mit "Sir Martin" an. Sein Talent für Wissenschaftspopularisierung durfte er als Präsident der British Association for the Advancement of Science perfektionieren.

Nun konfrontiert uns der Hofastronom mit einer erschütternden Erkenntnis. Ja, Gott hatte eine Wahl, glaubt Rees. Die Welt müsse nicht so aussehen, wie Astronomen sie heute beschreiben. Diese These klingt auch für eingefleischte Astrophysiker radikal. Denn das gängige Weltbild zeichnet ein Universum, das von einer Hand voll Naturgesetzen in einer delikaten Balance gehalten wird. Wäre die Lichtgeschwindigkeit, die Ladung des Elektrons oder die Gravitationskraft nur wenige Prozent größer oder kleiner, hätte es uns nie gegeben. Atome würden nicht zusammenhalten, Sterne wären nie entstanden, das Universum wäre dunkel. Unsere Existenz, so scheint es, zeugt von einer präzisen Feinabstimmung. Theologen sehen den Plan eines Schöpfers. Und Physiker suchen – bisher erfolglos – nach der Weltformel, aus der die Naturkonstanten folgen, denen wir die Existenz verdanken.

Martin Rees glaubt weder an die Weltformel noch an göttliche Fügung – auch wenn er regelmäßig zur Kirche geht. Stattdessen propagiert Rees die Theorie des "Multiversums". Demnach sind Naturgesetze nicht eindeutig festgelegt. Sie lassen einen gewissen Spielraum. Deshalb gebe es eine Vielzahl von Sub-Universen in einem einzigen Multiversum, spekuliert Rees. Unser Urknall wäre nicht der einzige. Neben unserem Universum gibt es unzählige andere. Wir sehen sie nicht, weil sie in einer abgetrennten Raumzeit existieren. Manches Universum lebte vielleicht nur wenige Mikrosekunden. Ein anderes Universum hat vielleicht Sterne hervorgebracht, aber keine Planeten wie die Erde. Und unser eigenes Universum hatte genau die richtigen Naturgesetze, um 14 Milliarden Jahre nach dem Urknall intelligente Menschen hervorzubringen, die sich über den Ursprung des Universums den Kopf zerbrechen.

Martin Rees, Chronist der säkularen Schöpfungsgeschichte, folgt mit dieser Idee einer langen Tradition. In der Antike hielt man die Erde für den Nabel der Welt. Später setzte Nikolaus Kopernikus die Sonne in den Mittelpunkt der Welt und die Erde auf eine Umlaufbahn. Giordano Bruno plädierte für ein unendliches Universum ohne Zentrum. Da scheint es konsequent, nun auch die Alleinstellung unseres Universums aufzugeben. Rees schickt seiner Theorie eine Warnung voraus, wie man sie auf Zigarettenpackungen findet – und wartet 170 Seiten, bevor er dem Leser das zumutet.

Bis dahin kommen jene auf ihre Kosten, die von einem Kosmologie-Buch empirisch belegtes Wissen erwarten. Rees rekapituliert die Geschichte des Universums vom Urknall bis heute und von heute in die Ewigkeit. Nur den lieben Gott sucht man vergebens. Unter dem Stichwort "Göttliche Fügung" heißt es im Index knapp: siehe Multiversum.