Berlin

Der Kanzler ist ein Fremdkörper. Wenn auch nicht in seinem Amt, so doch in seinem Amtssitz. Das Büro ist groß und zu kühl, elegantes Holz, prätentiöse Sofas, modernes Design von der Art, dass alles harmonisch zusammenstimmt, nur der Mensch passt nicht. Schon gar nicht dieser hier mit den Falten und dem angestrengten Gesicht, das zeigt, unter welchem Druck er steht, dieser hier, der gar nicht erst versucht, dem Raum seinen Stempel aufzudrücken. Helmut Kohl hätte dieses Büro mit seinem Nippes geflutet, hätte es sich untertan gemacht und sein Aquarium aufgestellt. Schröder hat kein Aquarium, er schwimmt darin herum.

Das einzig normal Menschliche hier ist sein Lachen, dieses breite Männerlachen, wie man es nach derben Witzen hört. Ein bisschen rau, dabei durchaus warm und echt.

Der Kanzler wirkt umstellt und bedrängt in diesem Zimmer, nicht von Konkurrenten, die hat er zurzeit nicht, sondern von Vorgängern. Die Miniatur des Willy-Brandt-Denkmals aus der Parteizentrale, daneben eine Plastik, die an Henry Moores erinnert; jene, die Helmut Schmidt einst anschaffen ließ. Über dem Schreibtisch hängt ein Gemälde von Georg Baselitz, das ist der, bei dem immer alles auf dem Kopf steht. Das war einmal Provokation, nun aber, da in der wirklichen Welt so vieles auf dem Kopf steht, wirkt es selbst verkehrt. Baselitz, wie der Ex-Provokateur Andy Warhol im Büro von Joschka Fischer, steht zeichenhaft für die regierende Generation. Ihre Vorstellung war es gewesen, einen gesellschaftlichen Impuls zu vollenden. Stattdessen müssen sie, weil die Welt durcheinander und Deutschland stehen geblieben ist, revolutionieren und enttabuisieren, erst das Militärische, nun noch das Ökonomische und Soziale. Dafür waren sie nicht gedacht, dafür sind sie nicht gebaut, dafür haben sie keine Ästhetik. Tun müssen sie es doch.

"Wenn die Geschichtsbücher erscheinen, bin ich schon tot"

Auf dem Kopf steht die Welt des Gerhard Schröder. Er wollte immer gemäß den Mehrheiten regieren, dabei nie das Zentralorgan des empörungsbereiten Deutschen, die Bild- Zeitung, aus dem Auge verlierend. Nun muss er mehr Wahrheit wagen und regiert gegen die Meinungsmehrheiten im Lande. Bild bekämpft ihn, und er verachtet das Boulevardblatt inzwischen wegen dessen billigen Gegen-alles-Populismus. Immer auch wollte er so etwas Ähnliches sein wie Helmut Schmidt, ein Kanzler als leitender Angestellter, moderner natürlich, also eine Art Chefmoderator der Fernsehrepublik Deutschland. Das ist ebenfalls vorbei, denn er hat eine äußerst unbequeme Mission, er muss das Land verändern, seine Partei – und sich. Hier beginnt die eigentliche Geschichte dieser Tage, mit einer schmerzlichen Banalität. Er kann das Land nicht ändern und selbst bleiben, wie er ist.

Seine Ausgangslage lässt sich leicht umreißen: Nackte Tatsachen und Zahlen haben den Kanzler dazu gezwungen, den grundlegenden Umbau des Sozialstaates zu beginnen. Von der Agenda 2010 kommt der Kanzler nicht mehr herunter, er kann sie weder abschwächen noch gar abbrechen. Seine Partei hat das bei den Umfragen auf etwa 23 Prozent heruntergebracht, zu Tausenden treten langjährige Genossen aus, und in der nächsten Woche wartet auf den Vorsitzenden eine Trost suchende, sinnhungrige, in Teilen wütende Partei. Schröder weiß, mit welcher defensiven, selbstquälerischen Haltung seine Genossen zurzeit vor die Wähler treten. Sie signalisieren: Wir wollen diese ganze schreckliche Agenda im Grunde auch nicht, aber es muss nun mal sein, weil das Geld fehlt. Das motiviert die Wähler kaum und zermürbt den politischen Lebensmut der Genossen. Doch hat er selbst wirklich mehr anzubieten als dieses verzagte Ja? Wenn Gerhard Schröder über die Reformen spricht, die er macht, dann hängt er meist ein "müssen" hintendran, kein "wollen".

Gern wird dem SPD-Vorsitzenden unterstellt, all das Genossenleiden ginge ihm kaum nahe, ihm komme es nur aufs Regieren an. Schröder bestreitet das. Er sagt, der Widerstand gegen die Agenda beunruhige ihn wenig, da sei er mit sich im Reinen. Nur die Lage der SPD bereite ihm schlaflose Nächte. Schließlich sei er in der Partei groß geworden. Immerhin werde er beim Parteitag in Bochum für 40 Jahre Mitgliedschaft geehrt. Zwei Drittel seines Lebens – da soll er gleichgültig sein?