Das erste Bauwerk, das der vereinigte deutsche Staat 1993 in seiner Hauptstadt Berlin eröffnete, war eine Gedenkstätte. Ursprünglich hatte sie den Gefallenen des Ersten Weltkriegs gegolten. Für sie hatte die sozialdemokratisch geführte preußische Regierung von 1930/31 ein berühmtes Bauwerk des alten Preußen, Karl Friedrich Schinkels Wachgebäude von 1818, umgebaut. Der Blick war damals nach Paris gegangen, wo Napoleons monumentaler Arc de Triomphe nach dem Weltkrieg mit einem Grabmal des Unbekannten Soldaten verbunden worden war; die Berliner Entsprechung war um so viel diskreter wie Schinkels Bauwerk kleiner und zierlicher. Bescheidenheit und Strenge waren auch der Charakter des Erinnerungsbaus gewesen, den Preußen seinem Sieg über Napoleon in Berlin errichtet hatte; nur die flankierenden (und ganz unmartialischen) Generalsstatuen verwiesen auf den kriegerischen Hintergrund. Im Innern war es ein reiner Zweckbau, der hundert Jahre lang als militärische Wachstation fungierte.

Durch den Umbau von 1931 wurde nicht der Absicht, aber der Wahrnehmung nach ein Weiheraum daraus, als sei der Staat, die Nation eine sakrale Instanz; auf diesen Gedanken war das rationalistische Preußen nie gekommen. Heinrich Tessenow, der als Sieger aus einem Wettbewerb hervorgegangene Architekt, implantierte dem Bauwerk einen großen, hellgrau ausgekleideten Innenraum, der wie das römische Pantheon sein Licht aus einer bronzeumkleideten Deckenöffnung empfing; Regen und Schnee fielen durch sie hindurch auf den Gedenkstein aus schwarzem Granit, der einen silbernen Eichenkranz trug.

Nach der zweiten Katastrophe, in die eine verbrecherische Weltmachtpolitik den deutschen Staat gestürzt hatte, war nicht nur Schinkels Wache, sondern auch dieser Gedenkstein eine Ruine, im Feuer umgeschmolzen zu einem Symbol des Zusammenbruchs. Den von der FDJ betriebenen Abriss der Ruine verhinderten die Sowjets eingedenk der russisch-preußischen Waffenbrüderschaft von 1813/14; durch die Gitter, mit denen die Halle abgesperrt war, fielen die Blumensträuße derer, die keine Gräber ihrer Kriegstoten kannten. Nach langem Zögern erneuerte die Regierung der DDR Tessenows Gedenkraum mit dem kriegsversehrten Gedenkstein und einer präzisen Inschrift an der Rückwand: "Den Opfern des Faschismus und Militarismus". Das war die richtige Reihenfolge; erst hatte der Hitlerfaschismus Deutschland einnehmen müssen, ehe ein Krieg möglich wurde, der auf den preußischen Militarismus baute.

Als Ende der sechziger Jahre die diplomatische Anerkennung der DDR absehbar wurde, verwandelte diese Gedenkhalle sich in eine repräsentative Kranzniederlegungsstelle, mit ewiger Flamme, eingelassenem Staatswappen und den unter dem Fußboden vesenkten Gräbern eines unbekannten Widerstandskämpfers und eines unbekannten Soldaten, mit Erde von Konzentrationslagern und Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs. Es blieb bei der Inschrift von 1960, deren Sinn es nicht gewesen war, Kriegs- und Terroropfer auf eine Stufe zu stellen, sondern beider zugleich zu gedenken. Darin konnte man die Intention der Versöhnung erblicken, auch einen Hinweis auf den Umstand, dass beide, die Toten des Terrors und die des Krieges, derselben Diktatur zum Opfer gefallen waren.

Man hat die DDR gelegentlich die "zweite deutsche Diktatur" genannt und dabei übersehen, dass es sich um eine Diktatur der Opfer handelte, gestützt von einem Vielvölkerstaat, dessen Bevölkerung in der Abwehr des Hitlerkriegs die furchtbarsten Opfer gebracht hatte, und geführt von Politikern, die 1945 großenteils aus Straflagern und Gefängnissen oder aus dem Exil heimgekehrt waren, zwei Arbeiterparteien entstammend, die 1933 als Erste den Naziterror erfahren hatten. Sie konnten sich zu der Versöhnungsgeste in vieler Hinsicht befugt fühlen.

Konnte dies auch Helmut Kohl, als er sich 1993 unter Umgehung des Bundestags wie des Bundespräsidenten dazu entschloss, die Umwandlung dieser DDR-Gedenkstätte in die Kranzniederlegungsstätte des staatsvereinigten Deutschlands anzuordnen? Er hing einer Idée fixe nach, paukte sie durch und bezahlte sie teuer, mit seiner Zustimmung zu dem Projekt, neben dem Brandenburger Tor einen symbolischen Friedhof von riesigen Ausmaßen für die Opfer der Ausrottungspolitik gegenüber denen zu errichten, die der Rassenwahn des Naziregimes als Juden verfolgt hatte. Aber waren diese mit der alt-neuen Gedenkstätte nicht auch gemeint? Und wenn diesen jüdischen Opfern zu den Mahn- und Gedenkmalen, die es für sie in Berlin bereits gab, noch ein weiteres Mahnmal gewidmet wurde, hatten dann nicht alle anderen Opfergruppen – Zigeuner, Homosexuelle, die Opfer des Bombenterrors und der Vertreibungen, nicht zuletzt: die sowjetischen Kriegsgefangenen – ein Recht auf eigene Mahnmale?

Eine Gedenkstätte, die nur die Leere des Symbolischen auftürmt

Kohl war immer ein Mann des kurzen Denkens gewesen, dem Augenblick und seinen politischen Möglichkeiten verhaftet, und die deutsche Hauptstadt, die er nicht mochte, bezahlte seine Ambition, die DDR-Gedenkstätte mit neuer, inhaltlich diffuser Inschrift zu übernehmen, mit einer Mahnmalsvervielfältigung, die eben das bedroht, was der Kanzler mit der transformierten Gedenkstätte hatte aufrechterhalten wollen, eine versöhnende Gemeinsamkeit des Totengedenkens. So wächst nun, neben dem China-Club eines Luxushotels und den Niederlassungen der Bundesländer, ein monströses Stelenfeld empor. Unter Berufung auf Besorgnisse, die auch der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland über ein "Zuviel an gewollter Belehrung" geäußert hat, sagt der deutsch-jüdische Schriftsteller Rafael Seligmann über dieses Projekt, dass es in seiner Wirkung "die deutsch-jüdischen Versöhnungsbemühungen eines halben Jahrhunderts zunichte zu machen" drohe.