Es begab sich aber zu jener Zeit, da in der fernen Sowjetunion ein Kraftwerk namens Tschernobyl spektakulär explodiert war, dass ein Oppositionsführer in Niedersachsen ein recht umstrittenes Atomkraftwerk namens Stade besuchte.

Es ging hoch her bei diesem Besuch. Er möge doch nicht immer "Atomkraftwerk" sagen, schimpfte ein Arbeiter. Ein Brotmesser werde ja auch nicht Stichwaffe geheißen. Er wolle wohl aus der Industriegesellschaft aussteigen, argwöhnte der Betriebsratschef und wünschte dem Kandidaten, er möge "noch recht lange in der Opposition bleiben".

Ja, so waren die Zeiten, damals. Haarrisse und Versprödungen (in der Reaktordruckkammer von Stade), die Atomkraft im Allgemeinen und dieser "Schrottreaktor" im Besonderen: Von dieser Art waren die Themen, die das Land beschäftigten. Die Grünen waren, auch mit dem Rückenwind aus Tschernobyl, eine politische Kraft geworden, ein attraktiver Bündnispartner für die SPD, was die Belegschaft des Stader Atom-, pardon, Kernkraftwerks schwer irritierte. "Sie öffnen den Chaoten Tür und Tor", schimpfte der Betriebsratsvorsitzende.

Die Jahre gingen ins Land. Der Oppositionsführer wurde Ministerpräsident, dann Bundeskanzler, die Chaoten stellten den Außenminister, und in Stade, man schrieb das Jahr 2000, beklagte der Bürgermeister, wie plötzlich nun das Ende für sein Kraftwerk komme.

In dieser Woche wird der Stader Reaktor, das älteste Atomkraftwerk Deutschlands, endlich stillgelegt. Ein später Triumph für Gerhard Schröder? Wer weiß. Denn gerade in diesen Tagen, da die alte AKW-Bewegung in aller Stille eines ihrer Ziele erreicht, hat eine mächtige neue Bewegung das Land erfasst. Ihr Slogan lautet: Schröder? Nein danke!