Bohlen oder Beethoven? Millowitsch oder Mozart? Küblböck oder Kant? Monatelang haben uns ZDF und Bild- Zeitung mit der Aussicht aufgestachelt, bei ihrer gemeinsam veranstalteten Wahl der "besten Deutschen" könnte ein Fernseh- oder Schlagerstar über die Klassiker der Nation siegen. Jetzt hat schon die erste Sendung allen erregten Spekulationen ein Ende bereitet. Die Nationalkultur ist keine Spaßkultur. Bei der feierlichen Ziehung aus hundert vorgeschlagenen Kandidaten ist kein einziges der Unterhaltungssternchen übrig geblieben.

So viel pädagogische Ernüchterung kann wahrscheinlich nur das öffentlich-rechtliche Fernsehen leisten. Die Liste der ersten zehn ist sogar politisch vollendet austariert, sie nennt Willy Brandt neben Konrad Adenauer, Bismarck neben Marx, Luther neben Goethe (sofern man Goethe als konfessionsloses Gegenstück werten möchte). Gutenberg vertritt den deutschen Heimwerker, Einstein dessen akademisch professionalisierte Entsprechung, den nationalen Hang zur Eigenbrötlerei repräsentieren für die Künste Johann Sebastian Bach und für die Moral die Geschwister Scholl. Die Nominierung der Letzteren kann geradezu als Meisterstück öffentlich-rechtlicher Ausgewogenheit gelten; bei jedem anderen Kandidaten aus dem Widerstand wäre eine politische Präferenz deutlich geworden, bei den Kommunisten ebenso wie bei den Sozialdemokraten, von den nationalkonservativen Verschwörern des 20. Juli ganz zu schweigen. Nur die Geschwister Scholl in ihrer engelgleichen Unschuld erlauben es, einen gänzlich entpolitisierten, mit der heutigen Bundesrepublik mühelos kompatiblen Aufstand des besseren Deutschland plausibel zu machen.

Wollte das Fernsehen seinen Zuschauern eine Falle stellen?

Freilich hat nicht das ZDF über die Auswahl entschieden. Die Zuschauer und die Bild- Leser haben gewählt, auf etwas undurchsichtige und vielleicht nicht repräsentative Weise, aber immerhin. Der Sender konnte dokumentieren: Bildungsauftrag erfüllt, das Volk hat sich vom Medium nicht verführen lassen. Aber warum dann der ganze Aufwand? Wollte das Fernsehen seinen Zuschauern eine Falle stellen? Sollten sie hineintappen, damit das ZDF die auch andernorts eskalierende Blödheit seiner Programme mit dem Nachweis rechtfertigen kann, dass die Zuschauer es nicht anders verdienen? Oder sollten sie gerade nicht hineintappen, damit der Sender seinen Programmen attestieren kann, dass sich die Zuschauer eben nicht verblöden lassen? Anders gefragt: Auf welchen Ausgang hatte das ZDF gesetzt? Welche Miene sollte der Moderator Johannes B. Kerner für den Fall aufsetzen, dass sich der Berufspubertierende Daniel Küblböck gegen Goethe durchsetzte? Denkbar gewesen wäre es immerhin; denn vor Heine und Schiller hatte es Küblböck schon geschafft, wie denn überhaupt die Boulevardstars mühelos unter die vorletzten zehn kamen.

Ein gnädiges Schicksal hat es dem Sender erlaubt, die gezielte Selbstdemütigung der Kulturnation nur als kokette Möglichkeit am Horizont aufscheinen zu lassen. Kati Witt, Hartmut Engler oder Campino (wir dachten immer, das sei ein Bonbon) als beste Deutsche? Allerdings spricht nicht viel dafür, dass damit für das ZDF eine Schmerzgrenze überschritten wäre. Der Sender wird aus seinem Test auf das Urteilsvermögen der Nation nichts lernen wollen. Vielleicht wird er im Gegenteil sagen: Schaut her, selbst mit Kultur kann man Quote machen, vorausgesetzt, sie wird auf dieselbe Weise behandelt wie ein Quiz oder die Wette aufs grammgenaue Auslöffeln von Jogurtbechern. Der Druck auf die letzten Kultursendungen wird sich erhöhen, auch über Literatur und Theater in Form von Rankings oder Rateshows zu berichten. Die besten Bücher? Da schicken wir doch mal das Telefonbuch gegen die Brüder Karamasow ins Rennen. Dreimal dürfen die Zuschauer raten: In welchem Werk kann man sich die Personen schwerer merken?

Jedes Medium hat seine Eigendynamik. Zu den merkwürdigsten Prozessen gehört aber die systematische Spekulation der Fernsehsender auf die Dummheit des Zuschauers. Der Versuch, die Quote zu erhöhen, wird immer nur mit dem Senken des Anspruchs unternommen. Wann ist je erprobt worden, mit intelligenteren Sendungen Publikum zu gewinnen? Im Apparat der Anstalten ist ein seltsamer Konsens gewachsen, die Verachtung der Zuschauer für professionell zu halten, möglicherweise sogar als Ausweis von Volkstümlichkeit zu nehmen. Sandra Maischberger, die mit singulär intelligenten Politikerinterviews berühmt wurde, ist belohnt worden, indem man ihr – ein Boulevardmagazin angedient hat. Das ist das Adelsdiplom der Sender: mit Klatsch und Tratsch handeln zu dürfen. Je alberner die Gegenstände, desto höher in der Hierarchie der Moderator. Ganz oben dürfte eines Tages der Klomann stehen, sofern es ihm nur gelänge, aus den Toiletten live zu berichten.

Sage keiner, die öffentlich-rechtlichen hinkten den privaten Sendern hinterher. Die wahren Exzesse der Talkshows, aus denen sich viele Privatsender schon zurückgezogen haben, finden in ARD und ZDF statt, man muss nur das Vorabendprogramm in die Rechnung miteinbeziehen, einschließlich des Nachrichtenmagazins Hallo Deutschland (ZDF), das in seiner Konzentration auf Verbrechen und Unglücksfälle die RTL-Nachrichten mühelos übertrifft. (Verbrechen und Unglücksfälle hieß zu einer Zeit, als die Medien noch ehrlich waren, die Vermischte Seite der Neuen Zürcher Zeitung.) Ins Leere läuft auch die Erwartung, die öffentlichen Anstalten würden sich aufgrund ihrer Gebührenfinanzierung, gegenüber Product-Placement und anderen Formen der versteckten Werbung spröder zeigen. Keineswegs. Boris Becker, weil seine Autobiografie gerade erschienen ist, "sitzt innerhalb von acht Tagen insgesamt sechs Mal in drei verschiedenen ZDF-Sendungen", wie die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ausgerechnet hat. Auch in der Besten-Show saß er wieder auf dem Sofa, neben Genscher, Alice Schwarzer, Barbara Schöneberger, fürwahr eine Expertenrunde. Zur Entschuldigung von Alice Schwarzers Anwesenheit muss allerdings vermerkt werden, dass auch sie ein neues Buch zu vermarkten hat.