Leipzig

Die "Summe", das ist das Wort der Qual für Wolfgang Tiefensee; "die Summe der Brocken", die jetzt die Olympiabewerbung gefährden; "die Summe der Ungereimtheiten". Das sind die "unglaublichen Vorgänge mit strafrechtlicher Relevanz", die ihn "zutiefst schockieren". Da ist "offensive, ja, offensivste Aufklärung" gefordert. Da verspricht er "klaren Tisch" und "reinen Wein", "schnellstmöglich". Aber andererseits will der Leipziger Oberbürgermeister "keine Summe ziehen", will "nicht über einen gemeinsamen Nenner spekulieren oder philosophieren". Hilfloser kann ein Politiker, der im Strudel täglicher Enthüllungen Haltung zu bewahren versucht, kaum agieren. Binnen weniger Wochen sind ihm alle drei Musketiere der erfolgreichen Olympiakandidatur, Thärichen, Köhler, Jung, abhanden gekommen – und dennoch versucht er, wie am vergangenen Wochenende vor der Mitgliederversammlung des NOK, penibel die "ganz unterschiedlichen Probleme" als Einzelfälle zu erklären.

Als er vor den NOK-Mitgliedern um Vertrauen wirbt, antwortet ihm betretenes Schweigen. Noch vor einem Jahr bekam er großen Applaus, als er an gleicher Stelle, im Saal des Leipziger Stadtrates, die Olympiabewerbung ankündigte. Jetzt konnte er nur noch eine Schonfrist erhandeln.

Manfred von Richthofen, Chef des Deutschen Sportbundes und Aufsichtsrat in der Olympia 2012 GmbH, zog auf dem NOK-Konvent vom Leder: Es müssten "alle Schmuddeleien auf den Tisch, sonst muss hier die Reißleine gezogen werden". Das war keine Einzelstimme. Schon in der Präsidiumssitzung des NOK am Vortag hatte der IOC-Vizepräsident Thomas Bach deutlich gemacht, dass die Bewerbungschancen auf der Kippe stehen. Das Fazit des NOK-Wochenendes: Noch eine Enthüllung, und alles ist aus. Tiefensee steht allein. Es ist niemand mehr da, der neue Schlammspritzer abfangen könnte.

Schlag auf Schlag ging das alles. Am 18. Oktober musste Dirk Thärichen, der Geschäftsführer der Bewerbungs-GmbH, entlassen werden, einerseits wegen des Vorwurfs der Angehörigkeit zum Stasi-Wachregiment Dzierzynski, andererseits wegen unlauteren Geschäftsgebarens. Am 30. Oktober wurde der Olympiastaatssekretär Wolfram Köhler, der eigentliche Ideengeber der Leipziger Bewerbung, wegen Vetternwirtschaft in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Danach versuchte Leipzig einen Neuanfang der Kampagne. Es folgte der nächste, der härteste Schlag: Burkhard Jung, Beigeordneter im Rathaus und Olympiabeauftragter von Leipzig, musste gehen. Er hatte es mit seiner Unterschrift der Sport Consult International (SCI) ermöglicht, 150000 Euro Provision für Gelder einzustreichen, die die Stadt und ihre Eigenbetriebe in die Bewerbungsgesellschaft eingezahlt hatten. Einfacher gesagt: Steuergelder wurden abgezockt. Das einschlägige Dokument hatte die Presse ausgegraben.

Zu schade für die Politik

Mit dem Verlust seines engen Freundes Jung war die immer wieder zitierte Euphorie vom 12. April 2003 begraben. Damals, in München, hatte Tiefensee auf dem Cello Dona nobis pacem gespielt und die Nation gerührt. Nun ist Tiefensee schwer angezählt. Den Unmut machen sich mittlerweile anonyme Gangster zunutze, der Oberbürgermeister wird öffentlich bedroht; die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Wie kein anderer verkörperte Tiefensee die Erfolgsgeschichte Leipzigs und den Charme einer bürgerlichen Stadtkultur, die ihre Nischen gefunden hatte, um die DDR zu überleben. Der 1955 in Gera geborene Katholik arbeitete als Entwicklungsingenieur im Fernmeldewerk Leipzig. Er war kein Dissident, aber machte auch nicht mit, verweigerte den Wehrdienst. Seine Welt war die geheime bürgerliche Kultur der Musik- und Leseabende in der Messestadt. Im gewissen Sinne war sein überaus erfolgreicher Celloauftritt bei der Olympiabewerbung die Apotheose der Leipziger Nischenkultur.